Bachelor & Master statt Diplom & Magister, und nun?
Die wichtigsten Fragen zu den neuen Studienabschlüssen - und die Antworten darauf
von Prof. Ekkehart Ernst, Vortrag OT 40, Mai 2006.
Ob in Pisa, Oslo oder Berlin – Studienabschlüsse und im Ausland erbrachte Leistungen sollten europaweit vergleichbar sein. Das beschlossen 1998 Bildungspolitiker aus 29 Ländern in der italienischen Stadt Bologna. Mittlerweile haben 40 europäische Staaten das so genannte Bologna-Abkommen unterzeichnet. Sie verpflichten sich damit, bis 2010 das alte Studiensystem zugunsten des zweistufigen Bachelor-Master-Systems abzuschaffen.
Ist das nicht einfach derselbe Studiengang mit einem anderen Namen?
Nein. Der größte Unterschied auf den ersten Blick: Es geht schneller. Statt mindestens acht bis neun Semester bis zum ersten Abschluss studieren zu müssen, kann man den Bachelor meist schon nach sechs Semestern erreichen. Er soll eine solide Grundbildung für den Berufsstart vermitteln. Nur wer will, sattelt dann einen Master von weiteren vier bis sechs Semestern drauf. Man kann auch erst einmal arbeiten und den Master später nachholen. Auch Kombinationen werden möglich, zum Beispiel ein Bachelor in Ingenieurwissenschaften, gefolgt von einem Master of Business Administration. Nicht für jeden Bachelor-Studiengang gibt es allerdings einen Master. Und welcher Bachelor für welchen Master qualifiziert, sollte man ebenfalls vorher prüfen.
Was unterscheidet einen Bachelor-Studiengang von einem bisherigen Grundstudium?
Formal gibt es zwei Unterschiede: Statt Scheine zu sammeln, häufen die Studenten Leistungspunkte, so genannte Credits an, und die Veranstaltungen werden zu Modulen gebündelt. Die straffere Studienstruktur schränkt die Wahlmöglichkeiten ein, viele Veranstaltungen sind vorgegeben. Doch das verschultere Studium bedeutet zugleich mehr Planbarkeit. Auch inhaltlich wird vieles anders, Bachelor-Studiengänge sollen praxisorientierter und stärker international ausgerichtet sein. Konkret heißt das: mehr Praktika und mehr Seminare zur Berufsorientierung, Vorlesungen in Fremdsprachen und Auslandsaufenthalte. Doch nicht jede Uni setzt die Reform gleich konsequent um, hier gibt es von Uni zu Uni große Unterschiede. Wem Praxisorientierung oder Auslandserfahrung wichtig sind, sollte bei der Auswahl der Uni darauf achten. Generell soll der Wechsel ins Ausland mit dem Bachelor einfacher sein. Das ist die Idee hinter dem »europaweiten Hochschulraum«, der mit der Umstellung entstehen soll. Um die Anerkennung durch die amerikanischen Universitäten gab es in jüngster Vergangenheit viel Diskussion. Der Deutsche Akademische Austauschdienst und die Fulbright-Kommission jedoch beruhigen: Eigentlich ändert sich nichts, eine pauschale Anerkennung gab es noch nie, jeder Einzelfall wird geprüft.
Wer überprüft die Qualität der neuen Studiengänge?
Die Länder haben den Akkreditierungsrat gegründet. Der wiederum genehmigt so genannte Akkreditierungsagenturen, die jeden neuen Bachelor- und Master-Studiengang prüfen: Wissenschaftler, Berufsvertreter und Studenten nehmen den Studiengang gemeinsam unter die Lupe, bevor er das Gütesiegel des Akkreditierungsrats erhält. Doch damit nicht genug.
Die Wissenschaftsministerien genehmigen auch noch einmal. Und manche Fächer verleihen zusätzlich ihr eigenes Gütesiegel. Aber Achtung! Nicht alle Studiengänge, für die man sich einschreiben kann, sind schon geprüft. Also noch mal genauer hinschauen.
Was, wenn der Studiengang noch nicht geprüft ist ?
Keine Akkreditierung heißt nicht automatisch schlechte Lehrqualität, die Agenturen kommen bei dem Ansturm an Anträgen mit dem Prüfen nicht nach. Dass Studiengänge komplett abgelehnt werden, kommt so gut wie gar nicht vor, vielmehr werden die Curricula beim Prozess der Akkreditierung immer wieder überarbeitet. Und egal, ob geprüft oder nicht, am besten sollte man selbst genau hinschauen: Gibt es Kooperationen mit ausländischen Unis? Wie sieht es mit Praktika aus? Welchen Eindruck macht die Website oder die Broschüre? Wie schneidet der Fachbereich bei Rankings ab? Auch wenn der Bachelor-Studiengang noch nicht bewertet wurde, die Leute dahinter sind meist dieselben. Die beste Lösung: selbst vorbeifahren und anschauen.
Was heißt Modularisierung?
Ein bisschen Shakespeare, die amerikanische Verfassung und dazu etwas Spanisch, verschiedene Veranstaltungen wild zusammengestellt – das soll mit dem Bachelor vorbei sein. Die Lehrveranstaltungen werden zu Modulen gebündelt. Zum Thema Shakespeare gibt es etwa ein Seminar mit Hausarbeit, eine Vorlesung mit Klausur und einen Theaterkurs. Das ist verschulter, aber es gibt noch Wahlmöglichkeiten zwischen Pflichtmodulen und Wahlmodulen. Wer ein Modul geschafft hat, bekommt die entsprechenden Credits – und versteht dann wirklich was von Shakespeare.
Wie funktioniert das Credit-System?
Credits sollen mehr sein als nur ein neuer Name für Semesterwochenstunden. Das Prinzip dahinter kann den ganzen Studienverlauf verändern. Denn wer genug Leistungspunkte zusammenhat, soll auch den Abschluss haben, die Prüfung am Ende ist nicht mehr so wichtig. Das ist zumindest die Idee hinter dem System. Wie sie umgesetzt wird, liegt an den einzelnen Unis. Die Punkte werden nach dem Aufwand der Studenten berechnet, ein Credit soll 30 Stunden Arbeit entsprechen. Das ist auf jeden Fall neu – denn Semesterwochenstunden richteten sich nach dem Aufwand des Professors.
Finde man mit einem Bachelor einen Job?
Um diese Frage gab es in letzter Zeit viel Streit. Ein Bachelor sei zu kurz und zu oberflächlich, kritisierten beispielsweise die Apotheker und die Theologen. »Bachelor welcome«, verkündeten dagegen Unternehmen wie die Deutsche Bahn, BMW oder die Telekom. Eine Studie des Hochschulinformationsdienstes ergab, dass nur ein Viertel der Bachelor-Absolventen direkt ins Berufsleben startet. Von diesen hatten neun Monate nach dem Abschluss über drei Viertel der Fachhochschul-Bachelors einen Job gefunden, bei den Uni-Bachelors war es nur ein Drittel. Als größte Schwierigkeit nannten die Absolventen, dass der Bachelor im Moment noch zu unbekannt sei, vor allem bei kleineren Unternehmen.
Kann ich nach dem Bachelor auf jeden Fall den Master machen?
Quotenregelung ja oder nein, das wird im Moment noch heftig diskutiert. Nur jeder dritte Bachelor-Kandidat solle den Master machen dürfen, forderte etwa der Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger. Allein aus Kapazitätsgründen wird es wohl dazu kommen. Die Frage ist, ob jedes Land eine zentrale Quote vorgibt oder die Hochschulen selbst ihre Studienplätze verteilen. Am Ende wird es wohl von den Leistungen im Bachelor-Studium abhängen, wer weiterkommt.
Kann man noch zwischen Diplom und Bachelor wechseln?
Eigentlich nicht, die beiden Studiengänge sollen nicht parallel laufen. An manchen Unis sitzen Bachelor- und Diplomstudenten noch gemeinsam in Vorlesungen und können wechseln. Doch je mehr umgestellt wird, desto unwahrscheinlicher wird so ein Wechsel. Entscheiden sollte man sich am besten vorher.
Wie weit sind die Unis mit der Umstellung?
Mittlerweile gibt es 2500 gestufte Studiengänge, viermal so viel wie noch 2001. Der Akkreditierungsrat hat allerdings erst 343 Bachelor- und 432 Master-Studiengänge geprüft und angemeldet. Unter www.akkreditierungsrat.de lassen sie sich, nach Bundesländern aufgeschlüsselt, ganz genau nachschlagen.
Wie lange wird es das Diplom noch geben?
2010 soll es nur noch Bachelor und Master geben, das Diplom und der Magister sind Auslaufmodelle. Aber es könnte auch schon früher so weit sein: Als erstes Bundesland hat sich Nordrhein-Westfalen ein Ultimatum gesetzt. Nur noch bis zum Wintersemester 2007/08 soll man sich dort für Magister- oder Diplomstudiengänge einschreiben können.