Antworten der Biologie auf fundamentale Lebensfragen
Von Prof. Dr. Detlef Bückmann
Mit der Frühjahrsakademie 2004 vom 22. bis 26. März beging das Zentrum für Allgemeine wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm zugleich sein zehnjähriges Bestehen. Da die Weiterbildungswochen für Menschen im dritten Lebensalter schon älter sind als die Institution ZAWiW, war die Frühjahrsakademie bereits die 25. Jahreszeitenakademie. Sie stand unter dem Generalthema »Zeitlose Werte« und hatte als einen der Hauptreferenten Prof. Dr. Detlef Bückmann, Altrektor der Universität Ulm und ehedem Leiter der Abteilung Allgemeine Zoologie, gewonnen, der einen mit großem Interesse aufgenommenen Vortrag über »Wahrheit und Wirklichkeit in biologischer Sicht« hielt. Im folgenden wird eine gekürzte Fassung dieses Vortrags wiedergegeben.
Das Ergebnis einer Meinungsumfrage: »Normale Tomaten haben keine Gene«, (Schwäbische Zeitung 28.5.98) macht eines deutlich: Es fehlt allgemein an biologischem Wissen. Die Biologie ist ein weites Feld: die Tier- und Pflanzenwelt, die bunte Vielfalt, die Lebensfomen und Anpassungen, - aber der vorgegebene Rahmen »Wahrheit und Wirklichkeit« führt uns zu der Frage: Was trägt die Biologie zum Verständnis von uns selber und der umgebenden Welt bei?
Wir leben in einer Demokratie. Das Volk hat zu bestimmen, und da muß es auch Bescheid wissen, worum es geht. Die Demokratie verlangt mehr allgemeine Kenntnisse und Wissen aller Bürger als jede andere Staatsform. Natürlich gilt dies auch für andere Gebiete wie Physik und Chemie. Doch die biologischen Probleme sind in besonderem Maße aktuell: das Wachstum der Erdbevölkerung, ihre Ernährung, Gesundheit, Umwelt, ja das ganze Leben auf der Erde; denn der Mensch beeinflußt bekanntlich die ganze Atmosphäre. Auch am Boden verändert er durch Umwälzungen und Materialverlagerungen mehr als ganze Erdzeitalter. Und neuerdings sogar die Lebewesen selber: er verändert ihr Erbgut und damit sogar ihre Nachkommen für alle Zukunft. Eigentlich gibt es also für die Menschheit nichts Wichtigeres als die Biologie. Sie ist die Summe aller Kenntnisse über Lebewesen - und der Mensch ist ein Lebewesen. All das gilt auch auch für ihn. In jedem Lebensbereich gibt es zahlreiche Zusammenhänge, in denen biologische Kenntnisse relevant sind. Wir können nur einige streifen.
Jede »Höherentwicklung«, jede Entwicklung vom Kleinen und Einfachen zum Großen und Komplizierten folgt den gleichen Prinzipien. 1. Vielzahl: Vermehrung der Substanz durch Vermehrung gleichartiger Bausteine. Aus vielen Zellen wird eine Zellkolonie, aus einem Körperabschnitt werden viele gleiche Segmente. 2. Vielfalt: Die einzelnen Elemente werden für verschiedene Aufgaben spezialisiert. Die eine wird Sinneszelle, die andere Muskelzelle, die dritte dient der Verdauung; das eine Segment hat Augen, das andere Antennen usw. Das ermöglicht 3. Arbeitsteilung. Und die wiederum ermöglicht Höchstleistungen für das Ganze. Keine Zelle kann jetzt mehr ohne die anderen funktionieren. Aus der Zellkolonie wird ein echter Vielzeller, ein Individuum. Unentbehrlich ist natürlich die Koordination unter ihnen durch 4. Information.
Individuum und Gruppe
Beim Menschen gilt das alles auch auf der höheren Stufe. Die Vielzahl: Als Individuum allein kann er kaum überleben. Er ist ein Gruppenwesen, ein Zoon politicon, wie schon die alten Griechen wußten. Das ist ein Artmerkmal. Kein anderes Lebewesen hat Staatsgebilde von Millionen Einzelwesen, jedes mit eigener Fortpflanzung und eigenem Willen. Bei den Insektenstaaten ist das ja anders. Beim Menschen aber entsteht so ein Grundproblem, das in der aktuellen bioethischen Diskussion kaum angesprochen wird: eine Spannung zwischen den Interessen von Individuum und Gruppe. Vielfalt herrscht innerhalb der Gruppe. Der eine taugt bei der Jagd mehr als Treiber, der andere als Speerwerfer. Der eine beschafft Nahrung, andere widmen sich dafür der Verteidigung, der Baukunst, der Verfertigung von Geräten, von Gesetzen, von Ideen. Durch Arbeitsteilung vollbringt die Gruppe so Leistungen, die größer sind als es die Summe der Leistungen der einzelnen wäre. Hinzu aber kommt die Information: Der Mensch erfindet die Sprache und damit die Weitergabe und Bewahrung von Information - sofort und schnell in der Gruppe und langfristig über Generationen hinweg, an die Nachkommen. Von Generation zu Generation häuft er immer neues Wissen und Können an, zusätzlich zum schon vorhandenen - eine Vererbung erworbener Fähigkeiten, die es sonst, das heißt auf der genetischen Ebene, nicht gibt. Diese Akkumulation von Wissen und Können ermöglicht die kulturelle Evolution.
Die Weitergabe von Wissen an die Jüngeren ist Aufgabe der Alten. Die Alten sind mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen ein Vorteil für die ganze Gruppe, und das erklärt vieles, nämlich: Nur beim Menschen währt die Lebensdauer lange über die Fortpflanzungszeit hinaus. In allen menschlichen Kulturen gibt es den Befehl, die Alten zu ehren, - in Japan gibt es dafür einen eigenen Feiertag im September (bei uns eben hier dieses ZAWIW). Das vierte Gebot, die Eltern zu ehren, ist das einzige mit einem Belohnungsversprechen, »auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gibt« (Exodus 20, 12b).
Kassandra - die schmerzliche Rolle
Die Evolutionsforschung lehrt uns, unser Verhalten zu durchschauen, und die Demographie unser zukünftiges Schicksal. Die Bedeutung biologischer Kenntnisse zeigt sich, wenn sie fehlen. Sind sie vorhanden, gerät die Biologie leicht in eine Rolle, die schon die Antike beschrieben hat, die der Kassandra, dazu verdammt, die zukünftigen Ereignisse genau vorherzusehen, ohne daß ihr jemand Glauben schenkte.
Eine einzige Art, der Mensch, gefährdet das hauchzarte Gebilde 'Leben', das sich in einer gerade einmal 100 m dicken Sphäre abspielt. Dieser verletzlichen, ein Produkt von Milliarden Jahren darstellenden Biosphäre steht allein mit 13.000 km das 130.000fache an Erddurchmesser gegenüber. Der Mensch dezimiert die Pflanzenwelt, die den kostbaren Sauerstoff liefert, nicht nur den tropischen Regenwald. Er vergiftet die Meere durch Abfälle und Entfischung und gefährdet deren an ständig gleichbleibende Bedingungen angepaßte Algenwelt, die einen beträchtlichen Teil der pflanzlichen Produktion der Erde ausmacht. Die Ausrottung tausender Tier- und Pflanzenarten vermindert die Biodiversität, die nicht nur Grundlage für Höherentwicklung, sondern auch für das Überleben von Veränderungen ist: die eine oder andere Variante kommt mit den neuen Bedingungen besser zurecht, und durch weitere Selektion entsteht eine angepaßte Form. Bekannt sind schließlich die Folgen der Klimaerwärmung: Unwetter, Wüstengürtel, Katastrophen in Gebirgen und den riesigen Sumpfflächen Asiens durch Auftauen des Dauerfrostes. Solche Erwärmungen hat es schon immer gegeben, aber sie werden durch den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre verstärkt, und der ist ganz zweifellos Menschenwerk, eine Folge der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Selbst wenn der Mensch hier also nicht alleinschuldig, sondern nur mitschuldig wäre, müßte er doch verzweifelt alles ihm Mögliche dagegen tun. Man weiß, wie es in Wirklichkeit mit den diesbezüglichen internationalen Absprachen steht. Das sind schwerwiegende Folgen biologischer Unkenntnis oder der Verdrängung von Kenntnis.
Über Wahrheit und Wirklichkeit in der Biologie gibt uns die moderne Molekularbiologie Auskunft: auch die biologischen Vorgänge folgen den Gesetzen der Physik und Chemie, selbst die geheimnisvolle Entstehung eines Gens aus Ungeformtem. Das »Wahre« bedeutet aber nicht nur das »Wirkliche«, sondern auch das »Richtige«. Es geht um unser Verhalten. Auch das entwickelte sich in der Evolution. Welche Verhaltensweisen setzten sich dabei durch? Für die Entwicklung der Art war es offensichtlich vorteilhaft, wenn ihre Angehörigen einander begünstigten vor allen anderen Arten. Daher unser Gefühl für eine besondere Würde des Menschen. Wir mögen nicht gern mit anderen Tieren verglichen werden.
Wettbewerb innerartlich
Wie geht es jetzt innerhalb der Art weiter? Das hängt davon ab, welche Typen sich in ihr durchsetzen und damit ihre Erbanlagen verbreiten. Es hängt also ab vom Wettbewerb unter Artgenossen. Von diesem innerartlichen Wettbewerb her kann man vieles verstehen, zum Beispiel die enorme Triebkraft von Neid, die Überbetonung von Rangordnungen und daß echte Feinde, auf die wir wirklich böse sein können, immer nur Artgenossen sind, andere Menschen, nicht etwa Tiere. Und welche Eigenschaften sind es, die sich durchsetzen? Die Soziobiologen ermitteln in komplizierten Überlegungen und Computersimulationen: Entscheidend ist allein und immer der Fortpflanzungserfolg. Wer die meisten Nachkommen hat, dessen Anlagen werden in der Population die häufigsten - eigentlich nicht überraschend.
Was ist jetzt mit der »Gruppe«? Wichtig für ihren Zusammenhalt war ja die Information. Sie umfaßt diejenigen, die miteinander in Kontakt sind. Je besser die Informationsmöglichkeiten, desto größer wurden die Gruppen. Heute, im Zeitalter des Internets, kann sie - und muß sie - die ganze Menschheit umfassen. Zunächst aber war es einmal die engere, dann die weitere Verwandtschaft. Sie trägt ähnliche Erbanlagen, und wer für die Gruppe kämpft, fördert das gemeinsame Erbgut, selbst wenn er keine eigenen Nachkommen hat. Es kommt auf den Gesamtfortpflanzungserfolg der Gruppe an. Sie ist die Gemeinschaft all derer, die sich jeweils zusammengehörig fühlen und gemeinsam ihre Nachkommen verteidigen: So entstehen die Einheiten Sippe, Stamm, Volk. Untereinander stehen diese Einheiten in Konkurrenz, und je größer die Gruppe wird, desto mehr halten nur die Existenz und Gegnerschaft der anderen sie überhaupt zusammen. Das Gruppenverhalten ist auch ein Fundament der Ethik. Der Wiener Kollege Wuketits stellt (2000) fest: Wir empfinden Verhaltensweisen als »gut«, die der Gemeinschaft dienen, die aber als »schlecht«, die dem Individuum nützen - Stichwort »Egoismus«. Dabei kann doch die Gemeinschaft ohne den Selbsterhaltungstrieb der Individuen auch nicht überleben.
Woran erkennen die Gruppenangehörigen einander? Äußerliche Embleme wie bunte Stoffe, Fahnen, ein Kopftuch, Lieder, Worte, bekommen große emotionale Bedeutung. Dabei sind Emotionen viel stärker als rationale Überlegungen. Für sie muß man kämpfen, für sie kann man sterben. »Die Fahne ist mehr als der Tod!« Diese emotionale Bedeutung wird verständlich, wenn wir berücksichtigen, daß das Gruppenverhalten ja eine Form der Fürsorge für die eigenen Nachkommen ist. Es fördert seinerseits Zahl und Überlebensmöglichkeiten der Nachkommen, die diese Erbfaktoren tragen, und hat somit besonders gute Chancen, sich mit diesen Nachkommen innerhalb der Gruppe durchzusetzen.
Der letzte Kampf
Worum streiten die Gruppen? Um die Lebensgrundlagen der Erde: Nahrung Trinkwasser, Atemluft, Energie sind begrenzt, aber unbegrenzt wächst die Menschheit. Jedes Jahr kommen 80 Millionen dazu. Der Biologe Gerolf Steiner (1992) sieht drei Möglichkeiten: Entweder die Menschheit schränkt aus eigener Einsicht ihre Vermehrung ein - sehr unwahrscheinlich. Vor allem: es müssen wirklich alle tun. Sonst geht es wie im Experiment mit Antibiotikum in einer Zellkultur. Man tötet alle Zellen ab, aber einige wenige sind resistent, die breiten sich alsbald aus, konkurrenzlos, und übervölkern nach drei Generationen die ganze Kultur mehr als zuvor. Oder die Menschheit wird durch höhere Gewalt dezimiert, Katastrophen wie Atomexplosionen, Seuchen wie AIDS, BSE. Oder es kommt bis zum letzten Atemzug zum Kampf aller gegen alle um die letzten Ressourcen. - Könnte es vielleicht sein, daß dieser letzte Kampf um die Ressourcen längst begonnen hat?
Die Konsequenz aus der Verhaltensforschung: Wenn wir den Weltfrieden wollen, müssen wir diese Gruppenkämpfe abbauen, die Nationalismen - aber wie? Der Fernsehschirm, die Zeitung führen uns laufend Schemata vor: von Genußmitteln, von begehrenswerten Partnern, aber auch von Situationen, auf die wir emotional reagieren. Millionen Menschen werden gleichzeitig in dieselbe Stimmung versetzt, etwa einen maßlosen Zorn auf diese oder jene Instanz oder Menschengruppe. Wir machen uns nicht klar, wie sehr wir dieser Beeinflussung unterliegen, zumal wenn alle Informationsquellen gleichgeschaltet sind durch Sprachregelungen wie die sogenannte political correctness. Können wir damit Gruppenverhalten: Nationalgefühl, Nationalstolz, Patriotismus abbauen? Wir verstehen es von der Biologie der Gruppen her als eine Form der Fürsorge für die Lebensmöglichkeiten der eigenen Nachkommen. Es dürfte also im menschlichen Verhaltensinventar gut fundamentiert sein. Können wir es abschaffen? Gibt es Ansätze dazu?
Ein beispielhafter Ansatz ist die Abkehr vom Begriff des deutschen Volkes. Die Inschrift am Reichstagsgebäude »Dem Deutschen Volke« - wird durch ein internes sogenanntes Kunstwerk, einen »Der Bevölkerung« gewidmeten Erdtrog, konterkariert. Dabei ist jener Volksbegriff die Basis unseres Grundgesetzes. In der Präambel heißt es: »...hat sich das deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben... Damit gilt dieses Grundgesetz für das ganze deutsche Volk...« Hier, wo es um dessen eigenes Fundament geht, wird es buchstäblich »beerdigt«. Die Urheber dieser Tendenz haben großenteils ihren Diensteid »auf das Wohl des deutschen Volkes« abgelegt. Im übrigen gilt das Grundgesetz für das »gesamte deutsche Volk«. Bedeutet die Änderung das Einverständnis damit, daß sich die Zuwanderer nicht dem deutschen Volk zugehörig fühlen?
Geschichte auslöschen
George Orwell schreibt in »1984«, man müsse nur die Erinnerung an seine Geschichte auslöschen, um aus einem Volk eine amorphe Masse ohne Kollektivbewußtsein zu machen. Geht das mit der deutschen Geschichte? Wir können sie negativ kennzeichnen durch den oft gehörten Satz: »Es soll kein Krieg mehr von Deutschland ausgehen«, so als sei das bisher immer der Fall gewesen. Wenn man bedenkt, daß kein Land der Welt an so viele verschiedene andere Staaten grenzt wie Deutschland, wäre eine besonders große Zahl von Konflikten sogar verständlich. Aber waren es mehr als anderswo? Die Römer kamen bis zum Teutoburger Wald, dann die Hunnen bis zu den Katalaunischen Feldern (dabei die riesige Vertreibungswelle der Völkerwanderung auslösend), die Ungarn bis auf das Lechfeld, die Mongolen bis Liegnitz, im 30jährigen Krieg die Böhmen, Schweden und Franzosen, später die Pfalzverwüstung (ein klarer Fall von Kriegsverbrechen), Napoleon, die versuchte Annexion Schleswig-Holsteins durch Dänemark, die Beleidigung König Wilhelms I. in Bad Ems mit anschließender Kriegserklärung Frankreichs wegen der spanischen Thronfolge, der Mord von Sarajewo. Und gerade letzthin wurde in aller Unschuld das Jubiläum der »Entente cordiale« von 1904 gefeiert, des Beginns der antideutschen Einkreisungspolitik. - Alles von Deutschland ausgegangen? Auch der folgenreiche Vertrag von Versailles mit all seinen Konsequenzen bis hin zu Jugoslawien und Kosovo wurde nicht hierzulande ausgedacht.
Dem historischen Vergessen dient die Mahnmalsdiskussion. Der deutschen Opfer von Gewalt und Grausamkeit in Trauer zu gedenken, darf nicht sein. Das wäre eine Relativierung deutscher Untaten, das wäre Aufrechnung. Euphemistisch ist von den »bei der Flucht Umgekommenen« die Rede, statt von den »bei der Vertreibung Ermordeten«. Dabei erfolgten diese Vertreibungen, während zugleich in den Nürnberger Prozessen Vertreibungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt wurden. Man lese einschlägige Berichte, zum Beispiel von Willy Brandt, der 1946 Korrespondent einer norwegischen Zeitung war, neu abgedruckt in FAZ 5.4.2004. Diese Greueltaten werden weitgehend totgeschwiegen. Ist nicht die Forderung, man müsse diese Verbrechen »im Kontext mit dem zweiten Weltkrieg sehen« (Gesine Schwan, FAZ, 26.3.2004) eine buchstäbliche Aufrechnung? Müßte nicht dem einsam verlassen und verhöhnt zu Tode Gequälten eine solche »Relativierung« als grausamer Hohn erscheinen? - Diejenigen, die diese Vorgänge noch nachträglich als bleibend rechtmäßig und die direkten Verbrechen als straffrei festschreiben wollen, werden als Europäer bei uns die vollen Rechte von Inländern genießen.
Nichtswürdig die Nation
Wie wird es unseren zahlenmäßig dezimierten Nachkommen ergehen, wenn jene die Gesetze beschließen, die, von uns gefördert, kraft ihrer Bevölkerungszahl in unserem Land demnächst die Mehrheit stellen werden? Die Schicksale der Armenier und Kurden lassen insoweit nichts Gutes erwarten. Sind denn, mag man fragen, die Zuwanderer von uns verschieden? Hat die Evolution in verschiedenen Regionen auch verschiedene Mentalitäten der Bewohner begünstigt? Wir haben hier den klassischen Dualismus Individuum/Gruppe vor uns: der einzelne Fremde ist und macht sich beliebt. Sobald sich aber zwei gleichberechtigte Volksgruppen verschiedenen Glaubens, Rechtsempfindens und Nationalbewußtseins erkennbar voneinander absetzen, droht Xenophobie. Lange kann sie latent bleiben, aber aus irgendeinem Anlaß bricht sie aus. Das sehen wir überall in der Welt, im Kosovo, in Afghanistan (Taschmilen und Patschunen) in Indien (Hindus und Moslems), auf Sri Lanka, in Israel, im Sudan (Moslems und christliche Stämme), in Uganda (Tutsis und Hutus) usw. Die jüngste Geschichte und die Gegenwart sind voller Beispiele, etwa im ehemaligen Jugoslawien, wie persönliche Freundschaften beim Ausbruch ethnischer Konflikte plötzlich in blutigen Haß umschlagen können.
Ein deutlicher Ansatz ist auch die Abwertung nationaler Symbolfiguren. Musterbeispiel ist das Buch von Daniel W. Wilson »Das Goethe-Tabu«. Vor allem in der Nazizeit darf es keine bedeutenden Deutschen gegeben haben, obwohl naturgemäß gerade sie dauernd Konflikt mit den Machthabern hatten, seien es Boxweltmeister, berühmte Dirigenten oder Nobelpreisträger. Solche Berühmtheiten zu diskreditieren, bringt einen Gewinn in Gestalt parasitärer Publizität: Wer einen Berühmten angreift, wird selber bekannt. Ein weiterer Ansatz besteht darin, das Volk schlechtzumachen und eine Abwertung des nationalen Ehrgefühls in Gang zu setzen. Schiller sagt: »Nichtswürdig die Nation, die nicht ihr alles setzt in ihre Ehre.« Weg damit! Das bekannte Buch von Goldhagen ventiliert die Frage, wie sehr die Deutschen »Hitlers willige Helfer« bei den Morden gewesen sind, und angesichts der sogenannten Wehrmachtsausstellung wird betont, daß aus jeder deutschen Familie ja mehrere Männer bei der Wehrmacht waren. Es geht also um die Kriminalisierung des ganzen Volkes. Das waren ja ganze Generationen unserer Väter, Großväter und Brüder, und es impliziert natürlich, daß wir als deren Nachkommen und Verwandte auch nicht viel besser sein können. Können wir das wollen? Wir sehen, bei Abschaffung des Nationalbewußtseins müssen wir neben der Vaterlandsliebe auch die Wahrheitsliebe aufgeben.
Wir denken linear
Aber keine Sorge wegen des deutschen Nationalismus! Die Bereinigung besorgt eine eiskalt unbeteiligte Instanz, die Demographie. Zur Bestandserhaltung der Population ist bekanntlich ein Durchschnitt von 2,1 Kindern pro Frau erforderlich, etwas mehr als zwei, weil ja nicht alle zur Fortpflanzung kommen. Ebenso bekanntlich haben wir seit zwei Generationen einen Wert von unter 1,3. 1,4 wäre zwei Drittel von 2,1. In der zweiten Generation also schon weniger als 2/3 mal 2/3, weniger als 4/9, also weniger als die Hälfte des Nötigen.
Das will uns nicht so recht in den Kopf. Die Evolution hat unser Denken unserem Umfeld angepaßt. Da gilt: Kleine Ursache - kleine Folge, doppelte Ursache doppelte Wirkung. Wir denken linear, nicht exponentiell. Auch wenn bei einem Vortrag im Studium generale tatsächlich bezweifelt wurde, daß 2/3 mal 2/3 = 4/9 ergibt, an der Reproduktionsarithmetik läßt sich nicht rütteln. Die demographischen Vorhersagen sind viel zuverlässiger als die Wetterprognosen, denn schon 20 Jahre im voraus weiß man, wieviel Frauen jedes Jahr ins fortpflanzungsfähige Alter kommen. Die sind ja schon geboren. Man kann sie zählen.
Aber ist es denn schlimm, wenn unsere Bevölkerung abnimmt? Es müssen ja nicht 80 Millionen Menschen sein, 40 Millionen reichen auch. Nur: bei der bestehenden Fortpflanzungsrate geht es dann so weiter, und später sind es nur noch 20 und dann 10 Millionen usw. Selbst wenn die Geburtenrate wieder auf 2,1 anstiege, würde das erst 20 Jahre später wirksam sein. Die demographischen Berechnungen sind seit langem bekannt, aber beachtet werden sie erst jetzt - nicht etwa aus Sorge um die deutsche Nation, sondern aus Angst um die Renten. Dagegen helfen auch die Zuwanderer nicht, weil auch sie altern. Es hilft nichts: Und wäre es auch kulturell einmal noch so führend gewesen - ein Volk, das keinen Nachwuchs hervorbringt, verzichtet auf sich selbst und verschwindet.
Folgen des Überflusses
Wie kommt es zu einem solchen Verzicht? Die Biologie liefert da einen konkreten Verdacht: Was zwei verlorene Weltkriege, Inflation, Bombenkriege, Vertreibungen und Massenmorde nicht geschafft haben, das schafft der Wohlstand. Der Wiener Verhaltensbiologe Otto Koenig hielt eine Reiherkolonie. Er versorgte sie gut, und nach einiger Zeit sah er: die sozialen Strukturen zerfielen, die Rangordnung, die Brutpflege, die Paarbindung. Es entstand eine Menge von lauter, wie wir heute sagen würden, »singles«. Und dann bemerkte er: Das waren die Folgen des Überflusses, und er prägte den Ausdruck »Wohlstandsverwahrlosung«. Auch wir vertragen anscheinend den Überfluß nicht. In unserer Evolution herrschte immer Mangel. Die Unzufriedenen vermehrten sich immer aktiver: der Mensch ist nicht auf Wohlleben hin selektioniert.
Vielleicht haben die Leser jetzt den Eindruck, ich hätte gesagt, die menschliche Würde sei ein bloßer Gruppenegoismus, die Chancen auf ethische Problemlösungen gleich Null, und die Nation dem Untergang geweiht. Dieser Eindruck ist völlig richtig. Aber jetzt kommt etwas Erstaunliches: Wir sehen das ein, aber wir können es nicht glauben, nicht wirklich glauben. Die freundliche Biologie erklärt auch hier. In der Evolution erlangte der Mensch die Fähigeit, in die Zukunft zu denken, wahrscheinlich während des Baumlebens, wo eben der Sprung zu einem Fernziel eine Programmierung aller Bewegungsabläufe im voraus, im bloßen Vorstellungsraum, erfordert. Allerdings zeigt die Fähigkeit, in die Zukunft zu denken, immer wieder: Letztlich hat alles keinen Zweck. Totale Resignation aber macht lebensuntüchtig. Dagegen mußte sich in der Selektion eine Sperre in der Hardware unseres Gehirns durchsetzen, eine Tendenz zur Hoffnung gegen jede Vernunft. Deshalb ist auch eine Religion von Glaube, Liebe, Hoffnung menschengerecht: »Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei...« (1. Korinther 13, 13).
(Der Vortrag wird ungekürzt vom Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm veröffentlicht.)
Quelle:
uni ulm intern Nr. 268, Mai 2004.
Veröffentlicht unter
http://www.uni-ulm.de/uui/2004/nr268.htm