OT 302 Bremen
Zur Geschichte der „Blaumeier"
Im Sommer 1985 setzte sich von der psychiatrischen Langzeitklinik Kloster Blankenburg aus die Blaue Karawane in Bewegung, ein Zusammenschluss von PatientInnen, KlinikmitarbeiterInnen, neugierig Interessierten und KünstIerInnen. Ihr Ziel war es, über den Besuch mehrerer psychiatrischer Großkrankenhäuser, zehn Jahre nach Veröffentlichung der Psychiatrieenquete, auf weiterhin herrschende Missstände bundesrepublikanischer Psychiatrieeinrichtungen hinzuweisen und neue politische Anstöße zu deren Beseitigung zu geben. Vorbild war das norditalienische Modell einer radikalen Kritik an den Strukturen psychiatrischer Großkrankenhäuser, der stationären Aufbewahrung und dem medizinisch-funktionalen Krankheitsbegriff. Die beteiligten KünstIerInnen an diesem Projekt hatten, in gemeinsamer Vorbereitung mit Patientinnen und MitarbeiterInnen der Klinik Kloster Blankenburg, zum Thema "Die Bremer Stadtmusikanten", Masken, Bilder, Großfiguren, Geschichten und ein Theaterstück entwickelt. Symbolhaft stand dieses Märchen für die Wiedereinbürgerung der aus Bremen Ausgegrenzten und Ausgebürgerten zurück ins öffentliche Leben ihrer Stadt. Die vielen, in den Wochen der Vorbereitung entstandenen Werke und Requisiten, haben das Anliegen der Blauen Karawane aufgegriffen. Sie dokumentieren auf eine eindringliche und deutliche Weise die Sprache derjenigen, die jahrzehntelang zum Schweigen verurteilt waren.
Sie untermalen öffentlich die zeitgemäße Forderung danach, Anstaltsmauern zu beseitigen und mit der jahrzehntelangen Verwahrung der so genannten Unheilbaren aufzuhören. Wieder in Bremen, am Zielpunkt der Reise angelangt, erhob sich die Frage nach der Zukunft dieser künstlerisch orientierten Bewegung und der Weiterführung einer anti-psychiatrie-orientierten Öffentlichkeitsarbeit.
Der Hinterhof der Travemünder Straße 7a im Bremer Arbeiterviertel Walle, ein ehemaliger Stall und Süßwarenlager wurde Endstation der "Blauen Karawane", und in langer, gemeinsamer Arbeit mit den ehemaligen Patientinnen und engagierten Freunden zu einem liebevoll renovierten Atelier, das den Besuchern seine lange und wechselvolle Geschichte nicht vorenthielt, verwandelt.
Auf engstem Raum fand nun im Atelier ein künstlerisches Wochenprogramm statt, aus dem heraus sich kleine Theaterimprovisationen, Bilderausstellungen und Maskenperformances bis hin zu großen Theaterspektakeln mit mehr als 400 Zuschauern pro Aufführung entwickelten. Mit diesen Aktivitäten trat das Blaumeier-Ateller auch auf Bremer Straßen und Plätzen in Erscheinung. Die BremerInnen nutzten die Gelegenheit, an den Aktionen teilzunehmen, reinzuschauen, oder auch bei den immer wieder besonderen Festen des Ateliers mitzufeiern.
Das Projekt Kunst und Psychiatrie
hatte sich aus den Schatten der Anstaltsmauern herausgelöst. Im Sommer 1992
mussten die Türen vorübergehend dicht gemacht werden, bis Dank finanzieller
Unterstützung des Bremer Senats und der "Aktion Sorgenkind" ein
grundlegender Umbau dem Blaumeier-Atelier endlich ein einsturzsicheres Dach
sicherte. Es entstand ein modernes Atelier mit Cafe, getrenntem Theater und
Malbereich, Aufführungs- und Ausstellungsmöglichkeiten. 
Die Freude an der eigenen künstlerischen Tätigkeit nimmt im Blaumeier-Atelier die zentrale Position ein. Dies beinhaltet auch eine klare Absage an den psychiatrisch-diagnostischen Versorgungsauftrag: wichtig ist die Eigenständigkeit der im Atelier entstehenden Kunst und nicht eine mit künstlerischen Mitteln bekräftigte therapeutische Behandlung. Im Blaumeier-Atelier arbeiten betreute und nicht betreute Menschen miteinander, deren Werke gleichermaßen akzeptiert werden. Gerade dieses "Frei-sein von Therapie" stellt eine Qualität dar, die der Kunst und damit auch dem Menschen eine Chance gibt.
Die Malerei
Bei dem Vertrauen in die eigene gestalterische Aussagekraft hört die moderne Kunstkenntnis meist auf. Dagegen setzt der Malbereich des Blaumeier-Ateliers die anregende Freude am eigenen Tun. Nicht jeder Pinselstrich und jeder Farbtupfer wird augenblicklich zur hohen Kunst, doch eröffnet die Malerei eine Welt des Selbsterlebens und des kreativen Ausdrucks, die von dem, was unter Kunst verstanden werden kann, manchmal gar nicht so weit entfernt liegt.
Theaterarbeit
Ein bunt gemischtes Theatervolk, das seine Kraft aus Spielleidenschaft und Darstellungsfreude schöpft, bildet zusammen mit den SchauspielerInnen aus dem Mitarbeiterlnnenkreis ein farbenfrohes, sich gegenseitig bereicherndes Ensemble: Die MitarbeiterInnen im Blaumeier-Atelier schaffen die für freie Theaterarbeit notwendigen Vorraussetzungen, angefangen bei Bühne und Lichtanlage über theatertechnisches Wissen und persönliche Fähigkeiten bis hin zu einem umfassenden Aufführungsmangement.
Die DarstellerInnen bringen dagegen ihre Frische und Spontaneität mit ein, die nicht durch akademisches Einstudieren vorgefertigter Rollen und Techniken eingeengt wird. Aus dieser gegenseitig ansteckenden Begeisterung, Spiellust und Improvisationsfreude entsteht die unverwechselbare und faszinierende Atmosphäre des Blaumeier- Theaters.
Hinter der berauschenden Fassade eines gelungenen Auftritts steckt harte Arbeit. Der Spielverlauf in einer Szene kann sich von einer Vorstellung zur nächsten verändern, da in den Proben der Handlungsablauf innerhalb einer Szene nicht in ein starres Schema gepresst wird. Die Probenkoordinierung bereitet wegen der Berufstätigkeit vieler DarstellerInnen oftmals große Probleme, SchauspielerInnen müssen für Auftritte mitunter Urlaub nehmen. Und immer wieder ist da die Sorge, dass der Probenernst die Lust und Motivation der Schauspielerinnen verdrängt. Durch die begeisterte Aufnahme in Publikum und in der Presse und nicht zuletzt durch die Freude aller Beteiligten an der Theaterarbeit treten Mühe und Anstrengung nach einer Aufführung rasch in den Hintergrund.
Die Maskenarbeit
Weihnachtsatmosphäre in einer belebten Bremer Einkaufsstraße: eine riesige Gans flüchtet vor dem Weihnachtsmann, der mit gezücktem Messer und wehendem Rockschoß eher an einen bierbäuchigen, überreizten Schlachter erinnert als an einen Vorboten der frohen Botschaft. Merkwürdige Engel ohne -chen und Charme wühlen sich aus Bergen von Geschenkpapier, während ein mondgichtiges Ehepaar Päckchen stapelt. Dazwischen immer wieder staunende, schauende und mitspielende Passanten: Weihnachten mit der Maskengruppe des Blaumeier-Ateliers.
Immer wieder gehen die SpielerInnen der Maskengruppen mit Szenarien und Improvisationen auf die Straße; ihre Theaterstücke und -szenen werden für Kleinkunstbühnen und Kulturfeste engagiert. Die Maskenarbeit ist seit Bestehen des Blaumeier-Ateliers ein wichtiger künstlerischer Bereich, der das Gesicht des Ateliers mitprägt.
Die Musik
„Musik herrlich schräg und schaurig melodisch", so wird die Musik zu FAST FAUST in der TAZ bezeichnet. Und so ist sie auch. Aber nicht nur, wenn Blaumeier Bühnen entert, sondern auch wenn sich donnerstags das „Atelier in Aktion" trifft und Schiffe besingt, die Rosamunde heißen, oder so... Immer mindestens vierstimmig, meistens mehr. Musik zum Warmmachen, Musik zum Feiern, Musik zum Tanzen, Musik zum Musikmachen. Bei Blaumeier singen auch die, die sonst kein Wort herauskriegen.
Historisch gesehen war "Die Musik" im Blaumeier-Atelier ursprünglich eine dem Theater zuarbeitende Kunst; allerdings vielleicht nur deshalb, weil nicht jeder Schauspieler zugleich ein Musiker ist. Nunmehr ist "Die Musik" diesem Schattendasein enteilt und zunehmend volljährig. Inzwischen gibt es eine hauseigene Band: Die Gummiband – flexible Musik mit ordentlich Watt.Die Gummiband ist eine 8-köpfige, integrativ arbeitende Band, die in ihrer heutigen Formation seit 5 Jahren spielt. Musiker und Musikerinnen mit und ohne Behinderungen spielen zumeist bekannte Hits, so dass bei Konzerten schnell der berühmte Funke zwischen Band und Publikum überspringt, durch den Auftritte zu einem verbindenden Erlebnis werden.
Das Repertoire bedingt sich in erster Linie durch die Spielbarkeit der Songs auch durch Musiker, die kein Studium der Harmonielehre hinter sich haben. Mit anderen Worten: Die Gummiband "covert" am liebsten Lieder mit nur 3 Akkorden ! Das gilt sowohl für Rock´n Roll-Hits als auch für andere Klassiker wie Sweet Home Alabama,Satisfaction, Marmor, Stein & Eisen bricht, Gimme Hope
Joanna, Walk like an egyptian, Honky Tonk Woman u.v.a. Wer sie hören will, kauft sich am besten „BLAU DRAUF", Blaumeiers einzigartige CD, die im Übrigen auch die erste ist... (Darauf auch der - unterdessen 10 - 11 Jahre alt gewordene - Chor Don Bleu mit seinen größten Hits und Musik von den beiden großen Theaterproduktionen FAST FAUST und GRINDKOPF.)
Der Chor
... Chor Don Bleu ist der Chor des Blaumeier-Ateliers, Projekt Kunst und Psychiatrie, das durch seine Theaterspektakel und Ausstellungen weit über die Grenzen Bremens hinaus bekannt geworden ist. Der Chor Don Bleu ist ein gemischter Chor in jeder Hinsicht: Frauen und Männer, Rechtsanwälte und Nicht-Rechtsanwälte, Menschen mit und ohne Behinderungen, Raucherinnen und Nichtraucherinnen, Sängerinnen und Nicht-Sänger.
- Hier nun noch ein paar Anmerkungen/Ergänzungen die nicht auf der Web Seite zu finden waren: Die Blaumeier Kurse sind sehr gut besucht, grundsätzlich kostenlos, wobei aber um Spenden gebeten wird. Die Theaterstücke werden nicht nach Drehbuch, sondern über Improvisationen entwickelt. Aufführungen finden im Schauspielhaus und auf Tourneen (Bürgerparkjubiläum, Musikfestival Dresden) statt. Blaumeier Schauspieler haben auch bei dem Kinofilm „Verrückt nach Paris" von Eike Besuden mitgewirkt; ein weiterer Film ist geplant.
Blaumeier ist als gemeinnütziger Verein organisiert. Im nächsten Jahr wird das 20jährige Bestehen gefeiert. Man arbeitet in relativ kleinen Räumlichkeiten. Eine benachbarte Lagerhalle soll gekauft werden. Elf feste Honorarkräfte und ca. 50 –60 ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten bei Blaumeier.
Früher flossen deutlich mehr Fördergelder als heute. Als Einnahmen kann Blaumeier Auftritte der Band und des Chors, sowie die Theateraufführungen und den Verkauf von Bilden aus der Galerie verbuchen. Die restlichen Mittel (80%) werden über Stiftungen und einen wachsenden Kreis privater Sponsoren eingeworben.