zur Startseite - klick hierStrukturwandel in der Geschichte

Ein Beispiel für das Wachsen von Rationalität

Flachshandelsusancen in der ersten Hälfte des 19.Jhdt. in Uelzen

Otto referierte über den Wandel der Gewohnheiten im Handel mit Flachsprodukten in der ländlichen Welt um Uelzen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durchaus mit dem Blick auf die von der Politik auf den Weg gebrachten aktuellen Strukturreformen legte er die Abläufe eines ebenso kleinen wie grundlegenden Strukturwandels in den Handelsusancen im Übergang von der Frühzeit zur weitergehenden Rationalität des Industriezeitalters dar.

Der Wandel stand unter dem Ziel, durch Anpassung an die von den fabrikmäßigen Spinnereien und Webereien gesetzten Standards dem von den Landbewohnern im Nebengewerbe handgefertigten Leinen und der arbeitaufwendigen traditionellen Herstellung qualitätsvollen spinnfähigen Rohflachses die bisherigen Vertriebschancen zu erhalten. Insofern der ländliche Flachs- und Leinenhandel im Uelzener Raum bis in die 1880er Jahre dann tatsächlich einen erheblichen Umfang behielt, hat sich dieser in den 1820er Jahren eingeleitete Strukturwandel im wesentlichen als durchaus erfolgreich erwiesen.

Der Referent machte zunächst darauf aufmerksam, dass sein Thema in den Bereich der menschlichen Gewohnheiten, des Verhaltens, der regelmäßigen Verfahrensweisen, des Herkommens, der Gebräuche, Sitten und Rituale falle, die einerseits das relativ Feste historischer Zeiträume, seine Struktur, begründeten, andererseits aber durch ihre Beständigkeit auch den Wandel starken Widerstand entgegen setzten.

Er stellte dann die Welt des alten Handels, bestehend aus einem auf einander bezogenen System von Übervorteilungen der Landleute seitens der Kaufleute und eines ausgeklügelten, sehr wirksamen Verhaltens der Gegenwehr der Flachs- und Leinenproduzenten, vor. Er machte deutlich, dass diese Welt ein Recht hat, aus sich heraus verstanden und im Hinblick auf die Betrügereien, die auf beiden Seiten im System angelegt waren, nicht mit den moralischen Kategorien der Gegenwart beurteilt zu werden.

Otto legte des weiteren dar, wie mit Hilfe der 1829 in Uelzen gegründeten Legge, einer öffentlich-rechtlichen Vermessungs- und Klassifizierungsanstalt für Handelsleinen, ein im höheren Maße objektiver, marktgerechter und uneingeschränkter Leinenhandel ganz in den Formen freien Wettbewerbs eingerichtet wurde, wie dieser sich aber gegen die starken Beharrungskräfte der Uelzener Kaufleute und gegen ganz praktische Hindernisse nur teilweise durchsetzen ließ. Und ein Gleiches galt auch für den ganz parallel verlaufenden Angriff auf die alten Flachshandelsgewohnheiten. Hier mussten gewerbepolizeiliche Vorschriften mehrfach verschärfend nachgebessert werden, ehe man den wesentlichen Sektor des Flachshandels, denjenigen, der sich auf den zahlreichen Flachsmärkten im Lüneburgischen abspielte, in eine gewisse Qualitätskontrolle bekam.

Der über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren verlaufende Strukturwandel ist also an heutigen Strukturreformen gleich keineswegs glatt, sondern in beiden Fällen trotz klarer Zielvorstellungen zwar mit großen Teilerfolgen, insgesamt aber doch recht holperich verlaufen – und dies besonders dort, wo sich anfangs nicht erkannte praktische Hindernisse auftaten (Leinenhandel) oder wo der Denkansatz zur Umgestaltung zwar richtig, aber lückenhaft war (Flachshandel) und wo die in der Radikalität liegende Veränderungskraft, diejenige, welche ein Problem an der Wurzel zu packen vermag, insgesamt fehlte. Am Ende fühlte man sich an Vorgänge der Gegenwart erinnert, und so schloß Otto seinen Vortrag mit einigem Recht mit dem Bemerken ab, es zeige sich hier abermals, dass ein Lernen aus der Geschichte wohl Illusion sei, dass die Generationen im Gegenteil davon lebten, ihre Fehler nicht selten zu wiederholen.