Auf Hitler reingefallen? Erfahrungen in den Wendewochen 1933
Vortrag von Propst i. R. J. Jürgensen vor OT 67 Neumünster am 29. September 2006
Der Referent geht zunächst der Frage nach, wie es überhaupt zu diesem Thema kam. Schon zu der Zeit, als er noch Jugendarbeit machte, musste er feststellen, dass viele Jugendliche nichts über die besagte Zeit wussten. Bei seinem Amtsantritt als Propst in Neumünster verstärkte sich dieser Eindruck auch im Hinblick auf Erwachsene, die zwar schnell bereit waren, den früheren Propst Steffen als Parteigänger und Nazi zu verurteilen, allerdings nicht über die elementarsten Zusammenhänge der damaligen Zeit verfügten.
Warum sind damals so viele Leute umgekippt, ließ sich das Gros der Gesellschaft einfangen?
Der Büdelsdorfer Pastor Max Roager (Schwager von Propst Steffen) geht im März 1933 in einem Artikel des Büdelsdorfer Gemeindeblattes der Frage nach, ob das politische Geschehen ein neuer Anfang sei oder nur ein guter Tonfilm, der uns etwas vorgaukeln will?
Die Männer der Kirche zeigten anfangs durchaus Skepsis, liefen nicht mit wehenden Fahnen über. Um ihre spätere Sinneswandlung aus heutiger Sicht einordnen zu können, ist ein kurzer Rückblick auf die 15 „Fieberjahre“ der Weimarer Republik (20 verschiedene Kabinette, seit 1930 nur noch durch
Hindenburg ernannte Präsidialkabinette) unerlässlich, um die Stimmung im Volk zu verstehen.
Diese Stimmung wurde getragen durch Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit:
- Angst vor der Unfähigkeit der eigenen politischen Führung, die selber an den Rahmenbedingungen (Versailler Vertrag mit seinen unerfüllbaren Reparationsforderungen; erst 40 Milliarden, später 146 Milliarden; Deutschland verliert 13% seiner Gebiete, ein Drittel seiner Kohle, 75% seiner Erz vorkommen …) scheitern musste.
- Angst vor einer Zukunft unter kommunistischer Führung mit Rätesystem und Abschaffung der Kirchen (1932 entfielen mehr als 50% der Stimmen auf NSDAP und KPD.)
- Angst vor politischem Umsturz (zahlreiche Putschversuche von rechts und links)
- Hoffnungslosigkeit vor einer Zukunft ohne Aussicht auf Arbeit und Brot, auf geordnete politische Verhältnisse (Der Kaiser, längst in Holland im Exil, sollte vor Gericht.)
- Verzweiflung über einen Vertrag, der Deutschland wie eine „Giftbombe“ niederdrückte.
Diese Stimmung war der Nährboden für einen, der vermeintlich stark und unbeugsam Deutschland wieder an den Platz in der Welt führen wollte, der dem deutschen Volke gebührte.
Im Januar 1933 wurde Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler berufen und eine gewisse Hoffnung auf Besserung der politischen und wirtschaftlichen Situation trat ein, zumal im neuen Kabinett zunächst nur drei Nazis waren (Hitler, Göring und Frick). So konnte die Öffentlichkeit sich noch der Hoffnung hingeben, dass alles nicht so schlimm werden würde. Die SPD wollte Hitler bekämpfen, aber nur mit demokratischen Mitteln, die KPD wollte Generalstreik und von Papen glaubte: „In zwei Monaten haben wir Hitler an die Wand gedrückt.“
Hitler, einmal an die Macht gekommen, tat nun das Seine, diese Macht zu festigen und auszubauen. Nach Scheinverhandlungen mit der katholischen Zentrumspartei zwecks einer Erweiterung der Regierungsbasis ließ er den Reichstag auflösen und Neuwahlen ausschreiben, die am 5. März stattfinden sollten.
Hitler gab sich in seinen Reden und öffentlichen Auftritten im Wahlkampf zwar zunächst sehr staatsmännisch, doch die Propagandamaschinerie lief bereits auf Hochtouren. Nicht nur im Radio, auch auf den Litfaßsäulen wurden die Hitlerreden veröffentlicht. So konnten einerseits das Schreckensszenarium, wonach ein Jahr Bolschewismus Deutschland vollends vernichten würde, andererseits die salbungsvollen Parolen, die die geistige und nationale Einheit und ein Reich der Gerechtigkeit und Größe beschworen, gut unter das Volk gebracht werden.
Der 4. März 1933 wurde zum „Tag der erwachenden Nation“ mit unzähligen Feuern entlang der Grenze im Osten propagiert; der Staatssekretär Rust rief die Kirchen zur Mithilfe gegen den Bolschewismus auf, und Hitler scheute sich nicht, in seinen Reden den allmächtigen Gott um Hilfe zu bitten (Sportpalast) oder in seiner Königsberger Rede zu enden mit den Worten: „Herr, ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich. “
So sollten die Weichen eigentlich bestens gestellt sein für einen großartigen Wahlsieg. Doch die Rechnung ging nicht auf. Bei der letzten „freien Reichstagswahl mit mehreren Parteien“ am 5. März 1933 ging die NSDAP nur mit 44% hervor, so dass eine Koalition mit Hugenbergs DNVP geschlossen werden musste. Goebbels wurde Reichspropagandaminister (13. 3. 1933) und saß fortan mit am Kabinettstisch.
Für Hitler galt es nun, den nächsten entscheidenden Schritt auf dem Wege zu alleiniger Macht zu vollziehen. Das Ermächtigungsgesetz sollte durchgebracht werden. In seiner Rede in der Garnisonskirche am Tag von Potsdam (21. 3. 33) verstand es Hitler, sich als großer Staatsmann zu inszenieren, und in seiner Regierungserklärung vom 23. 3. propagierte er erneut die Zusammenarbeit mit den Kirchen: …“Wir wollen selber arbeiten …nun segne unseren Kampf“.
Ob solcher Töne konnten und wollten sich auch Männer der Kirche (auch aus unserer Region, wie z. B. die Pastoren Meier, Grimm und Paul Schneider aus Dickenscheit) nicht mehr verschließen, waren voll des Lobes für Hitler: „Aus Dankbarkeit melde ich meinen Eintritt in die NSDAP. Ich will meinem Kanzler helfen.“ (Grimm).
Dass Göring in seiner Eigenschaft als Reichstagspräsident 10 Abgeordnete der SPD „beurlaubt“ hatte, um die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu gewährleisten, wurde nicht als so bedeutsam gewertet. Mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 (Umwandlung der parlamentarischen Demokratie in einen „Führerstaat“) war der letzte Schritt auf dem Weg zur Alleinherrschaft getan.
Es würde zu weit führen, die weiteren Schritte im Einzelnen zu schildern; deshalb nur stichpunktartig einige Daten aus jenen Tagen: Boykott jüdischer Geschäfte – 1. 4. 33, Aufhebung der Gewerkschaften -2. 5. 33, Verbot der SPD – 22. 6. 33, Gesetz gegen Neubildung von Parteien – 14. 7. 33 usw.)
Warum war das alles möglich?
Der Bürger, blind auf dem rechten Auge, war froh, der kommunistischen Gefahr entkommen zu sein, dass es mit Deutschland wieder bergauf ging; bemerkte aber nicht, dass jegliche Opposition ausgeschaltet worden war. Hitler hatte Deutschland salonfähig gemacht, die NSDAP die soziale Anerkennung der Arbeiterklasse bewirkt. Hitler hatte es wie kein anderer Politiker verstanden, das Volk auf seine Seite zu ziehen (Volksbefragungen: Austritt aus dem Völkerbund – 19. 10. 33, um nur ein Beispiel zu nennen).
In der anschließenden Diskussion kommt immer wieder der Aspekt des Unfassbaren über das Geschehene zum Ausdruck. Selbst hervorragende Politiker (Stresemann) konnten nichts verhindern, weil sie das Volk nicht hinter sich hatten. Wie steht es um uns in unserer heutigen Zeit? Wir brauchen Persönlichkeiten, die Ziele haben und von uns gewollt werden. Bleibt Wahrhaftigkeit zu Gunsten von Eigennutz auf der Strecke? Kann das Debakel mit der Gesundheitsreform Politikverdrossenheit verstärken, vielleicht sogar der Demokratie Schaden zufügen?