Thomas Riehl Vortrag vor OT 16 Bremerhaven am 06.04.2004
Der rätselhafte Pharao
Ein Kindkönig, 3200 Jahre verschollen im Dunkel der Geschichte. Wie kein anderer Pharao hat Tutanchamun seit der Entdeckung seines Grabes im Jahre 1922 die Fantasien beflügelt und noch immer gibt er Rätsel auf.
Wie hat dieser Knabe die Großmacht Ägypten regiert? Was führte zum Niedergang seiner Dynastie? Weshalb verstarb er so früh?
Nach fünf Jahren erfolgloser Suche fand Howard Carter 1922 unter dem Schutt antiker Hütten, eine Treppe 16 Stufen führten zu einem mit Geröll angefüllten Korridor. Das Ende markierte eine versiegelte Wand zum Grab des T. In den Räumen lagen tausende Artefakte, deren Bergung fast 10 Jahre dauerte. Eine Vorkammer enthielt Lebensmittel, ein Nebenzimmer die balsamierten Organe des Königs.
In der Sargkammer stießen die Forscher auf einen steinernen Sarkophag, in dem drei ineinander gefügte Särge zum Vorschein kamen. Der innerste aus purem Gold. Darin lag seit 3200 Jahren die Königsmumie, mit goldener Maske und mit mehr als 150 Juwelen und Amuletten bestückt.
Das Röntgenbild vom Schädel ist nicht sehr scharf. Dunkle Schatten in der Wölbung des Hinterkopfes und direkt unter der Schädeldecke zeigen an, wo Schichten von steinhartem Harz die energiereichen Strahlen aufgehalten haben. Die Einbalsamierer haben den Hals des toten Herrschers überstreckt, seinen Kopf mit dem Kinn nach oben von ihrem Arbeitstisch hängen lassen, um die zähe, heiße Flüssigkeit durch seine Nasenlöcher in die Schädelkalotte zu gießen und sie so von innen auszubrennen.
Das Gehirn des Königs war zu diesem Zeitpunkt bereits entfernt, war mit einem Drahthaken, der durch das Siebbein gestoßen wurde zu einer halbflüssigen Masse verquirlt worden und anschließend durch die Nase abgelaufen. Das die Diener des Königs dabei recht ruppig zu werke gingen, davon zeugt noch heute ein massiver Knochensplitter im hinteren Teil der königlichen Hirnschale.
Nichts als Verwirrung und Spekulationen hat dieses kleine Stückchen Knochen hervorgerufen. Seit die Röntgenbilder 1963 aufgenommen wurden, ist dieses lose Fragment immer wieder als Hinweis für einen Schlag auf den Hinterkopf gedeutet worden.
Einen Schlag, an dessen Folgen der Pharao angeblich gestorben sein soll, bezweifeln mittlerweile seriöse Forscher. Denn wäre der Knochensplitter tatsächlich bereits vor dem Tod des Königs in dessen Gehirn eingedrungen, dann hätte das Harz der Balsamierer ihn eingeschlossen und auf dem Röntgenbild unsichtbar gemacht.
Das eigentliche Corpus Delicti ist aber in der Hitze der Debatte jahrzehntelang völlig übersehen worden. Die Überreste eines Hämatoms nämlich an der Innenseite des Hinterkopfes, möglicherweise ein Anzeichen für einen Bluterguss unter der Hirnhaut, genau dort, wo der Schädel in den Nacken übergeht. An einer gut geschützten Stelle, wo ein Sturz die Verletzungen nur schwer erklären lässt .Eher schon ein kräftiger Hieb.
Mithilfe dieser Spur hat Bob Brier, Mumienexperte an der Long Island University einen der mysteriösesten Todesfälle der Geschichte neu aufgerollt. Den möglichen Mord an einem wohl höchstens 18 Jahre alten König, dem Herrscher über Ober und Unterägypten, Hüter der kosmischen Ordnung, Sohn des Sonnengottes Re und oberster Heerführer. Der Name des Opfers Tutanchamun. Das Motiv Machtgier.
Der späte König T. , darüber sind sich die meisten Altertumsforscher einig, wird um 1340 v. Chr. In eine der turbulentesten Epochen der ägyptischen Geschichten hineingeboren.
Unter den Herrschern der 18. Dynastie ist das Land am Nil zur Weltmacht aufgestiegen. Mit einer schlagkräftigen Armee aus Fußsoldaten und Streitwagenkämpfern haben die Pharaonen Palästina und Syrien unterworfen und aus den dortigen Königreichen und Fürstentümern tributpflichtige Vasallen gemacht.
Bis an die Ufer des Euphrat sind die ägyptischen Soldaten vorgedrungen. Südlich des Kernlandes halten die Truppen der Großmacht die Kontrolle bis zum vierten Nilkatarakt, tief im Gebiet des heutigen Sudan, dem damaligen Nubien. Dort errichteten die Ägypter gar ein Vizekönigtum—denn mit der Ausbeute der nubischen Goldminen finanzierten die Pharaonen ihre Expansionsbemühungen, ihr Beamtenheer und ihre Priesterschaft.
Und über allem thront Pharao Amenophis III. vermutlich der Großvater Tutanchamuns, dessen etwa 37 jährige Herrschaft einen glänzenden Höhepunkt der Monarchie am Nil markiert.
Nach Jahrzehnten der Dominanz und des Luxus ist die Großmacht erschlafft. Als Amenophis III hoch betagt stirbt, ist sein Körper fettleibig, gezeichnet wohl von der Dekadenz einer Spätkultur. Schlimme Abszesse, das ergibt mehr als 3000 Jahre später der Befund seiner Mumie, haben sich an den Schneidezähnen des Herrschers eingenistet. Einige Forscher vermuten, das Amenophis III sich in den letzen Lebensjahren nur noch mit einer Wunderdroge aus Zypern schmerzfrei halten kann, dem Opium..
Der Sohn Amenophis III, Amenophis IV, der vermutliche Vater Tutanchamuns, tritt ein schweres Erbe an. Die Lässigkeit, mit dem er das Land regiert, eine dieser oppositionellen Lebensstile, bringt das Land seiner Väter an den Rand des Untergangs. Er sucht seine Herausforderung in der Theologie und wird ein fanatischer Ketzer und Zerstörer. Und er macht sich mit seinem Hofstaat auf, um 300 Km nördlich von Theben, mitten in der Wüste, eine neue Hauptstadt zu gründen. Eine neue Stadt, weit entfernt von den wütenden Priestern. Er ändert seinen Namen in Echnaton, dem Aton wohlgefällig ( Sonnenscheibe Aton) und kümmert sich mit seiner Gemahlin Nofretete nur noch der Gottesscheibe, ein Zwischenwesen des Lichts.
Doch in seinem 17. Regierungsjahr stirbt Echnaton plötzlich, kaum 40 Jahre alt. Seine Mumie wird nie gefunden, möglicherweise haben wütende Priester sie in Stücke gerissen. Keine Inschrift gibt Aufschluss über seinen Tod.
Was sich im Reich nach dem Tod Echnaton abspielt, gehört zu den größten Rätseln der ägyptologischen Forschung. Als gesichert gilt nur, das wenige Jahre darauf der alte Kult bereits wieder hergestellt, die neue Hauptstadt Amarna verlassen und Echnaton zur Unperson geworden ist.
Als gesichert gilt, das ein Herrscher mit dem Namen Tutanchamun den Thron 1333 v. Chr. Bestieg. Vermutlich nach zwei rätselhaften Zwischenregenten. Beim Amtsantritt ist er vielleicht neun oder 10 Jahre alt. T wächst in einem prunkvollem königlichen Haushalt auf. Die Forscher vermuten, das er in der Hauptstadt Memphis bei seiner Amme aufwächst, dadurch lernt er auch das andere Ägypten kennen, und nicht die entfremdete Hauptstadt, die sein Vater zu gründen versuchte. Nach dem Tod seinen Vaters und der Thronbesteigung hat er zwei Berater an seiner Seite. Alain Zivie, ein französischer Archäologe, vermutet dieses, da in dem Grab von T auch zwei stolze Figuren beigefügt sind. Er glaubt in ihnen den Beamten Eje und den Heerführer Haremhab zu erkennen..
Diese beiden haben T unter ihre Fitticheenommen, mit einer klaren Arbeitsteilung. Haremhab, ein infacher Fußsoldat unter Echnaton bringt die weitgehend zur Beschäftigungslosigkeit verdammte Armee wieder auf Trab. Und erobert binnen weniger Jahre das alte Vasallenreich zurück.
Dennoch sei Tutanchamun bei aller anfänglicher Bevormundung alles andere als ein unbedeutender Herrscher gewesen, die Menschen reiften früh in jener Zeit Der Pharao wird sich bald auch selbst in die Politik eingemischt haben. Vielleicht liegt auch hier gerade die Tragik seiner Geschichte.
Alain Zivie stellt sich den Tutanchamun als ganz normalen heißblütigen jungen Mann vor, der so schnell wie möglich den Erwartungen entsprechen will, die das Volk an einen Pharao stellt.
Vielleicht hat er zu viel gewollt. Vielleicht ist er in einer Schlacht verwundet worden und später an der Kriegsverletzung gestorben. Sicher werden wir das nie wissen, denn die Ägypter hätten einen Schlachtentod eines Pharao niemals aufgezeichnet.
Anhand der vorhandenen Informationen, Bildwerke und Aufzeichnungen lässt sich aber gar nichts auf den Tod des jungen Mannes vermuten. Oder doch, er könnte eine Weile im Sterben gelegen haben, und die Arbeiter mussten sich bei den Reliefs beeilen, weil es schon schlecht um den König stand. An einer Stelle des Luxor Tempels, an denen auch einige Reliefs über T eingemeißelt wurden, hört das Relief an einer Stelle abrupt auf. An dieser Stelle, so vermuten die Forscher, starb der König. Das war das Jahr 1323 v. Christi Geburt.
Was danach geschah, gehört zu den wenigen Vorgängen jener Zeit, die unter den Ägyptologen kaum umstritten ist. 70 Tage dauerte die Mumifizierung des Leichnams. Die Organe des Pharao bis auf das Herz, wurden entnommen und separat behandelt. Gleichzeitig beginnen im ganzen Land die Arbeit an t. Grabschatz. Goldschmiede fertigen die Maske und den 110 Kilo schweren innersten Sarg. Gegenstände des täglichen Lebens werden zusammen getragen und dann beginnt der Trauerzug sich auf den Weg in die Wüste zu machen, fern vom lebenspendenen Nil.
Es muss einen heftigen Streit um die Thronfolge gegeben habe, da der Pharao keine Kinder hatte, hatten sich seine engsten Berater auf die Nachfolge versteift. Haremhab war während der Grablegung mit seinen Truppen außer Landes , diesen Zeitpunkt nutzte Eje.
Das Ende der einst glorreichen 18. Dynastie bleibt ein Mysterium. Fest steht nur, mit dem Beamten Eje folgt dem kinderlosen T ein Mann ohne königliches Blut auf den Thron. Vier Jahre lang bis zu seinem Tod .
Dem Heerführer Haremhab aber zahlt sich seine Gedult aus. Er wird Pharao,. Ein Emporkömmling, ein früherer Fußsoldat, der sich daran macht, die Vergangenheit auszulöschen. Seine, aber auch die seienr Vorgänger auf dem Thron. Mit Akribie lässt er jedes Andenken an seine Vorregenten vernichten. Lässt Ejas und Tutanchamun Namen aus Figuren und Inschriften hacken, reist Gebäude ein. Selbst sein eigens, schon fertig gestelltes Grab lässt er bearbeiten. Alle Bildnisse, die ihn als General zeigen werden herausgemeißelt.
Mit Haremhab endet die Geschichte der 18. Dynastie endgültig. Um die Nachfolge zu sichern, adoptiert der Pharao schließlich einen Soldaten: Sein Name Ramses