Polen      Vortrag vor OT/RT127 Norderstedt am 14.10.2004

Herr Generalkonsul Andrzej Kremer ist Jurist aus Krakau, hat auch römisches Recht studiert, auch Privatdozent, schlug nach der Wende in Polen die diplomatische Laufbahn ein.

Über seinen politischen Standort: "Vor der Wende wäre ich nicht in den diplomatischen Dienst aufgenommen worden."

Wegen sehr guter Deutschkenntnisse bot sich für ihn eine Laufbahn in Deutschland an: vom Vizekonsul in Hamburg über verschiedene Posten in anderen Städten zum Generalkonsul in Hamburg.

Herr Kremer trug mit sympathischer Überzeugtheit vor, wie Polen eigentlich schon immer ein zentraler Bestandteil Europas war -- nicht ein Land "irgendwo im Osten", sondern ein leibhaftiger Nachbar Deutschlands!

Die schulisch mangelhaften Geschichtskenntnisse erlauben dem Sekretär nicht, irgendwelche Ausführungen von Herrn Kremer in Zweifel zu ziehen, deshalb ungefiltert seine Darstellungen und Hoffnungen:

Eigentlich lebten die Polen seit über 1000 (eintausend) Jahren in gutnachbarlichem Verhältnis zu den Deutschen (z.B. August der Starke von Sachsen auch gewählter polnischer König). Ausnahmen bildeten nur das 19. und 20. Jahrhundert (Bismarck und der 2. Weltkrieg).

Gewichtige Gemeinsamkeiten gab es eine Fülle:

Die Hanse, Kultur, Wissenschaft, Königs- und Fürstenhäuser, Küche.

Im 14. Jahrhundert gab es einen riesigen Doppelstaat "Polen –Litauen", der fast bis zum schwarzen Meer ging.

Kriege auf dem Gebiet Polens zwischen Sachsen, Preußen, Russland führten zur mehrfachen Teilung und Verlagerung des polnischen Staatsgebiets. Im 19. Jahrhundert wurde Polen durch die Gründung der UDSSR im Osten erneut gekappt und unter politische Zwangsherrschaft genommen.

Die Wend 1988/90 bedeutete für Polen im Wortsinne eine Drehung um 180°, obwohl sich schon zuvor so einige Freiheitssymptome entwickelt hatten (Solidarnos, Presse, Kirche).

Sofortige Ziele Polens nach der Wende: Zugehörigkeit zu allen EU-Institutionen, NATO und OECD.

Polen ging durch einen sehr harten Wandlungsprozess: 90 % der bisherigen Handelsbeziehungen (im Ostblock) entfielen, eine Inflation bis zu 800 % beutelte das Land. Nach 5 Jahren waren schon 70% des vormaligen Ostblockhandels umgeschwenkt in Westbeziehungen. Die Inflationsrate liegt nun bei 1 %, die Zinsen seien mit 6 % noch zu hoch, aber das Wirtschaftswachstum sehr ordentlich auch bei 6 %.

80 % aller Betriebe sind heute in privater Hand, allerdings verbleiben einige Industrien, wie Energie, Bergbau Militärtechnik im Staatsbesitz.

30 Milliarden € macht der deutsche Anteil von ca. 100 Milliarden € Handelsvolumen EU-weit aus.

Der politische Wandel in Polen hat schon bei der Wahl 1998 nur noch 1 % Kommunisten zurückgelassen, der Wandel innerhalb des Parteienspektrums sei allerdings schnelllebig.

Herr Kremer brachte die erwarteten Kosten der Aufnahme Polens für die EU zur Sprache: Wegen des geringeren Kostenniveaus rechnet er mit Kosten im Bereich der Landwirtschaft weit unter 10 % dessen, was die französische Landwirtschaft kostet.

Als Zeitraum für die Überwindung der wirtschaftlichen Kluft gegenüber dem Westen wird mit 20 Jahren gerechnet. Man bedenke, daß es auch in Frankreich, Spanien, Italien Landstriche gibt, die einen sehr rückständigen Eindruck machen.

Andrerseits gebe es in Polen schon Industrieteile, die dem Westen an HiTech zumindest ebenbürtig sind (Elektronik, KFZ).

Fragen aus dem Publikum bezogen sich auf mögliche Gefahren für unsere Industrie, besonders im Grenzgebiet durch hohe Qualitätsstufe bei Niedriglöhnen in Polen (wie auch in Tschechien und Slowakei): Industrieabwanderung hat es auch vor dem EU-Beitritt schon in ansehnlichem Ausmaß gegeben.

Dagegen stellte Herr Kremer als wesentlichen Vorteil für beide Seiten einen erheblichen Anteil an billigen Dienstleistungen und täglichem Lebensbedarf heraus, die ja gerade der deutschen Bevölkerung im Grenzgebiet zugute kämen.

Wie steht es um emotionale Vorbehalte gegen Deutsche?

In Polen ist man schon irritiert über weitere Aktivitäten von Vertriebenenverbänden und Planungen für Gedenkstätten. Hatte man doch geglaubt, daß diese Thematik überwunden sei, zumal das Unrecht ja zunächst von Deutschland über Polen gebracht worden sei.

Türkeibeitritt? Keine erklärten Probleme.

Letzte Frage: Wie konnte die polnische Bevölkerung den gewaltigen Umschwung verkraften ohne so massive Wirtschaftshilfe zu bekommen wie die neuen Bundesländer?

Antwort (typisch für Polen oder typisch für Generalkonsul Kremer?):

Die Leidensfähigkeit der polnischen Bevölkerung war schon durch die Vergangenheit geschult.