Vortrag vor OT 46 Karlsruhe am 3. März 2005

 

Jürgen Behnes: Schlesisches Tagebuch oder

"Schlesische Adelsgeschichte und die Chancen Ihrer Untertanen um 1800"

Bevor Jürgen auf das Tagebuch zu sprechen kam, erläuterte er kurz die Geographie und die Geschichte Schlesiens. Beides bildet den Rahmen bzw. die Grundlage für die Familiengeschichte.

Die schlesische Landschaft hat keine natürlichen Grenzen mit Ausnahme der Sudeten im Süden; im Wesentlichen prägt die Oder das Bild Schlesiens. Dieser Fluss war und ist die Lebensader für diese Region; neben fruchtbaren Böden waren vor allem im Hochmittelalter die Bodenschätze Gold, Silber und später Kohle, die den wirtschaftlichen Aufstieg ermöglichten. Klimatisch liegt Schlesien in einer Übergangszone zwischen feuchten atlantischen und trockenen kontinentalen Strömungen.

Die Geschichte von Schlesien ist ebenso geprägt und bestimmt von der Nahtstelle zwischen Ost und West. Nach der Völkerwanderung kam es wahrscheinlich unter böhmischen Einfluss, gefolgt von vielen Kämpfen zwischen Polen und Böhmen mit dem Sieg der Böhmen. Somit war Schlesien langfristig unter Vorherrschaft des Hauses Habsburg und damit unter den Einfluss des deutschen Reiches. Die immer wieder aufkommenden Versuche der schlesischen Fürsten um Vorherrschaft mussten zuletzt nach der Reformation, d.h. endgültig nach 400 Jahren aufgegeben werden. Nach dem Ende der Türkenkriege geriet Schlesien auch außenpolitisch an die Peripherie, da Österreich / Habsburg nun seine Interessen in den ungarischen Raum richteten. Des Weiteren führte die religiöse Intoleranz zu vielen Auswanderungen, die große Bevölkerungslücken entstehen lies. Diese wurden von Polen ausgefüllt.

Friedrich II. erkannte seine Chance in den schlechten Beziehungen zwischen dem Hause Habsburg und Schlesien und konnte es in drei Kriegen fast völlig erobern (1740 – 1763).

Fortan war Schlesien eine preußische Provinz, die weitere Rückschläge durch die napoleonische Besatzung und die Industrialisierung (Weberaufstand) erleben musste. Der nächste große Einschnitt in der schlesischen Geschichte kam mit den Gebietsverlusten nach dem 1. Weltkrieg und führte mit dem Ende des 2. Weltkrieges zum bekannten Gesamtverlust an Polen.

In einem kurzen Ausschnitt dieser Geschichte ist ein Teil der Familiengeschichte der Vorfahren von Dagmar, Familie Forner eingebettet, im Zeitraum von 1790 bis 1820. Es war die Herrschaft von Friedrich Wilhelm II. + III., die Zeit der napoleonischen Kriege, der Reformen der Herren von Stein, Hardenberg, etc. und der teilweisen Zurücknahme der Reformen nach Napoleon.

Die Geschichte trägt sich im Süden von Schlesien zu, zwischen Oppeln, Gleiwitz, Rybnik und Ratibor.

Es ist hier die Rede von einem Andreas Forner, der Pächter eines reichgräflichen Majoratsgutes des Reichsgrafen Anton von Gaschin in der Nähe von Oppeln ist. Er kaufte 1794 seinem Sohn Mattheus ein Freigut (befreit von Abgaben, Lehnspflichten und Frondiensten) mit Namen Bor, damit er standesgemäß heiraten konnte. Dies war für das junge Paar eine "Goldgrube", was daran zu erkennen ist, dass er schon zwei Jahre später eine rittermäßige Scholtisei kaufen konnte (Scholtisei Sitz eines Dorfschulzen mit vielen Privilegien, wie z.B. Dorfschenke, Handelserlaubnis, Errichten von Handwerksbetrieben oder Mühlen). Dazu kamen die örtliche Polizeigewalt und die niedere Gerichtsbarkeit. Aber auch Vater Andreas war nicht untätig und kaufte 1797 ein Rittergut im Fürstentum Ratibor bei Rybnik mit zwei Dörfern, sowie allen Liegenschaften und 200 Personen (Rittergut – Landgut mit Kriegsdienstpflichten und Privilegien, wie Patrimonialgericht, Polizeigewalt, Kirchen- und Schulpatronat Jagdrecht, Steuerfreiheiten). Als Bürger durfte er aber kein Rittergut erwerben ohne Zustimmung der Königs, Friedrich W. III (1797 – 1840). Diese erhielt er nach einem langwierigen Schriftwechsel und der Fürsprache des Anton v. Gaschin ein Jahr später.

Von 1803 – 1820, d.h. von seinem 33. bis 50. Lebensjahr kaufte und verkaufte Mattheus acht Güter, so dass er am Ende seines Lebens – er wurde 84 Jahre alt - kein Gut mehr besaß und sein Sohn Ludwig wieder Gutspächter war. Vermutlich waren es die Reformen, wie Aufhebung der Leibeigenschaft, die die Wirtschaftlichkeit dieser Güter stark verschlechterte.

Zwei Generationen in der Familie zeigten innerhalb von 30 Jahren in einer Zeit erheblicher Umbrüche in Europa (von 1790 – 1822) Mut, Ideen, uns erkannten als Bürgerliche ihre Chancen.

Zum Schluss seiner Ausführungen ging Jürgen noch auf die Reformen der Herren von Stein und Hardenberg ein. Am 9. Oktober 1807 wurden in Preußen alle wichtigen Reformen mit dem bekannten Oktoberedikt eingeleitet, wovon drei wesentlich sind:

  1. Mit dem Martinstag 1810 hört alle Guts-Untertänigkeit auf. Die Bauern wurden persönlich frei, frei wegzuziehen oder zu heiraten; der Bauer wurde erstmalig zum Rechtssubjekt.
  2. Die Freiheit des "Güterverkehres" wurde eingeführt. Jeder – Adliger, Bürger oder Bauer – konnte Boden kaufen und verkaufen, teilen oder sich verschulden.
  3. Freiheit der Berufswahl für alle, niemand war mehr seinem Stand verpflichtet oder an ihn gebunden.

Da die Güter die wichtigsten volkswirtschaftlichen Betriebe waren, tat der Staat nun viel für die Güter. Somit entwickelten sich die Reformen nur schleppend bzw. blieben stecken, wie z.B. die Patrimonialgerichtsbarkeit (erst 1849 aufgehoben) oder die Polizeigewalt (erst 1872 aufgehoben).

Anmerkung des Sekretärs: Interessant an diesen Reformen ist, dass sie unter der napoleonischen Besatzung erfolgten und leider nach dem Wiener Kongress teilweise wieder zurückgenommen wurden oder erst viel später umgesetzt werden konnten aufgrund des sehr starken, konservativen preußischen Landadels und des schwachen Friedrich W. III.

Wir danken Jürgen für seinen interessanten Ausflug in die Familiengeschichte, die uns ebenso einen Einblick in die schlesische Geschichte ermöglichte.