"Jedes Vogelei ist ein Unikat" Vortrag vor OT 116 LINDAU / LINDENBERG am 6.10.2004
Der Referent stellt sich als Arzt und Gerontologe vor, seit einiger Zeit pensionierter Professor für Gerontologie, ehemals an der Universität Kassel.
Schon als Kind interessierte er sich für Vogeleier. Heute widmet er sich seinem wissenschaftlichen Hobby, der Oonologie, einem Gebiet der Ornithologie. Über den Inhalt der Eier und die biologischen Funktionen weiß man heute recht gut Bescheid, nicht jedoch über die äußere Gestalt, die Formen- und Farbenvielfalt der Vogeleier. Als Hobby-Ornithologe, genauer Oologe, erforscht er systematisch die Gestalt und die Farbe von Eiern. Auf diesem Gebiet sind die Hobby-Wissenschaftler ebenso unverzicht-bar für die zentrale wissenschaftliche Disziplin wie etwa bei den Astronomen, insbesondere für Langzeituntersuchungen und das Sammeln von Fakten und Beobachten vor Ort.
Inzwischen wird Professor Schmitz-Scherzer als Eier-Spezialist von den Fachornithologen hoch geschätzt. Immer wieder schicken ihm diverse Vogelwarten Schalen von Vogeleiern zur Bestimmung. Er hat auch beispielsweise eine der größten europäischen Eiersammlungen im Museum von Schwabach neu geordnet.
Üblich definiert man scheue Vögel nach dem Gehör, was insbesondere in Urwäldern die einzige Möglichkeit der Bestimmung des jeweiligen Vogels ist, der in hohen Baumkronen oder im dichten Dschungel oder Unterholz lebt. Dessen Eiergelege bekommt man aber höchst selten zu Gesicht, weil es in großer Höhe nicht erreichbar ist und die Vögel selbst überdies für Tarnung sorgen. Also stellt sich die Aufgabe, aus Eiern oder Eierschalen auf die Vogelart zu schließen, oftmals als recht schwierig dar. Man zählt heute weltweit etwa zehntausend Vogelarten, kennt aber nur die Eier von etwa 50%, z.B. die des Kolibris.
Das Ei als das Symbol der Fruchtbarkeit spielt in allen Kulturen eine wichtige Rolle, z.B. im österlichen Eierkult. Doch das ist eine andere Geschichte, die einen eigenen Vortrag erfordert.
Jedes Ei hat eine vollkommene Form trotz unterschiedlicher geometrischer Merkmale bei den verschiedenen Vogelarten, an deren Typologie nach den diversen Formindices der Referent mitgearbeitet hat. Man definiert beispielsweise runde oder längsovale Eier. Überdies sind die Formen anatomisch bedingt, denn die Beckengestalt des Vogels führt zu einer bestimmten Eiform. So sind beispielsweise Enteneier längsoval, Uhueier aber kugelförmig. Schließlich spielt die Anordnung der Eier im Gelege eine wichtige Rolle, weil der so genannte ‚Brutfleck‘ nur eine bestimmte Anzahl von Eiern in einer bestimmten Anordnung abdecken kann. Die Eigelege sind sehr unterschiedlich. Manche Vögel legen ihre Eier einfach auf dem ausgewählten Brutplatz, beispielsweise auf einem Felsvorsprung, ab, andere bauen kunstvoll Nester oder sie nisten in Höhlen oder Nisthäuschen, wie etwa die Meisen als so genannte Kulturfolger des Menschen. Man unterscheidet bei den Nestern etwa dreißig verschiedene Formen.
Die Größe der Eier steht generell nicht im Verhältnis zu der Größe der Vögel. Ein Kolibriei wiegt etwa 0,8 g und ist 5 x 7 mm groß, ein Strauß aber bringt es auf 60 bis 80 kg und seine Eier sind so groß wie ein Spielball. Die kleinen Vögel legen also relativ große, die großen relativ kleine Eier. Die Größe ist von der Natur so eingerichtet, dass die biologisch notwendigen Substanzen untergebracht werden können. Die Anzahl der Eier eines Geleges richtet sich nach dem Nahrungsangebot des jeweiligen Lebensraumes.
Die Schale des Eis ist ein kompliziertes Gebilde. Feine Kanäle in der Schale ermöglichen den Stoffaustausch und die Osmose. Die dickste Eierschale misst etwa einen Zentimeter.
Die Farben der Eier sind ein weiteres Merkmal zur Unterscheidung. Farbstoffe im Blut führen zu roten oder braunen Eierschalen, Farbstoffe der Galle zu blauen und grünen, und das jeweils in zahlreichen Farbvarianten und Strukturen. Etwa 40 Prozent der Eier sind farbig.
Für die Fortpflanzung der Vögel ist die Qualität ihrer Eier von hoher Bedeutung. Leider ist jedoch festzustellen, dass durch Einwirkungen des Menschen auf den natürlichen Lebensraum oftmals Schäden verursacht werden. Manche Eier werden als so genannte ‚Windeier‘, also ohne feste Schale und nur mit einer dünnen Haut umgeben, gelegt und können nicht bebrütet werden. Derlei Missbildungen sind nicht selten; so auch das Ei im Ei. Einige Vogelarten sterben aus, weil die chemische Belastung der Beutetiere mit schädlichen Substanzen aus Dünger und Spritzmitteln unverträglich ist, und außerdem geht der natürliche Lebensraum der Vögel durch intensive Feldwirtschaft, Brachlandnutzung und Wasserbau-maßnahmen zurück. Doch hat hier ein Umdenken begonnen, aber es ist noch offen, was es bewirken wird.
Zuletzt zeigte Professor Schmitz-Scherzer einige Dias zur Illustration seiner Ausführungen, darunter auch Eier von Reptilien und Sauriern.
Anhaltender Beifall belohnte den Referenten für seine interessanten Darlegungen, die eigentlich alle Anwesenden mit bisher unbekannten Fakten bekannt machten, und das von ganz alltäglichen Eiern.
Jakob überreichte ein weiniges Dankeschönpräsent und als Besonderheit ein von seinem Schwiegervater eigenhändig bemaltes und mit Widmung an Professor Dr. Reinhard Schmitz-Scherzer versehenes, relativ großes, ovales Ei mit roter Grundfarbe, das der Fachmann sofort als Gänse-Ei bestimmte. Es stimmte!