Vortrag
von Karsten Fabel bei OT 40 Eckernförde
BallinStadt
- Auswanderung aus Hamburg
Am
5. Juli öffnete auf der Elbinsel Veddel die BallinStadt
Auswandererwelt Hamburg ihre Pforten.
Auf dem Boden der historischen Auswandererstadt, die von der Reederei HAPAG
unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin zwischen 1898 und 1901 errichtet und
1906/07 erweitert wurde, widmet sich nun
ein Museum der Geschichte von über fünf Millionen Menschen, die zwischen 1850
und 1934 ihre Heimat verließen, um von Hamburg aus nach Amerika aufzubrechen
und ein neues Leben anzufangen.
Die
Entwicklung Hamburgs zum Auswandererhafen Nr. 1
In
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Hamburger Hafen für Auswanderer
von geringer Bedeutung. Während zwischen 1836 und 1850 insgesamt nur etwa
40.000 Menschen über Hamburg ihre Heimat verließen, schifften sich in Bremen
bzw. Bremerhaven zur gleichen Zeit über 235.000 Auswanderer ein. Grund dafür
war die fortschrittliche Auswanderer-Gesetzgebung in Bremen seit 1832.
Hamburg
entschließt sich 1847 die bremischen Vorgaben zu übernehmen. Damit beginnt
Hamburgs Ära als Auswandererhafen.
1847
wurde die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) gegründet.
Knapp 10 Jahre später setzte die HAPAG ihr erstes Dampf getriebenes
Passagierschiff ein. Eine neue Ära in der Schifffahrt hatte begonnen.
Die
Rolle Albert Ballins
Albert
Ballin (1857 - 1918), jüngster Sohn eines jüdischen Kaufmanns, übernahm schon
als 17-Jähriger die Agentur für Auswanderer seines Vaters. Er führte das
Geschäft erfolgreich, indem er auf der Route nach Amerika Auswanderer auf die
Frachtschiffe der CARR Linie vermittelte. Zu ihrer Beförderung wurden die Laderäume
für Zwischendeckspassagiere umgerüstet, auf der Rückfahrt nach Europa wurde
Fracht transportiert. Die CARR-Linie wurde für die HAPAG ein ernst zu nehmender
Konkurrent im Auswanderergeschäft. Die große Reederei übernahm 1886 Albert
Ballin und machte ihn zum Leiter der Passageabteilung.
Ballin
war damit zuständig für das Auswanderergeschäft und stieg innerhalb der HAPAG
schnell empor, bis er 1888 deren Direktor und 1899 deren Generaldirektor wurde.
Der
Ausbau eines Agentennetzes zur Werbung von Auswanderern in Ost- und Südosteuropa
trug wesentlich dazu bei, Hamburg zum führenden Auswandererhafen in Deutschland
zu machen.
Ab
Januar 1892 wurden, aus Furcht vor der Ausbreitung ansteckender Krankheiten, die
Grenzkontrollen zwischen Russland und Preußen verschärft. Auswanderern wurde
die Einreise nach Preußen nur gestattet, wenn keine gesundheitlichen Bedenken
bestanden. Außerdem mussten sie im Besitz einer Eisenbahnfahrkarte nach Hamburg
oder Bremen und einer Schiffskarte sein. Mittellosen russischen Juden wurde die
Weiterreise nur genehmigt, wenn sie eine Garantie von dem Hilfskomitee
für die russischen Juden vorweisen konnten, dass sie
„kostenfrei und ohne Aufenthalt in Deutschland nach Amerika“ befördert würden.
Die HAPAG, die verpflichtet war, in den USA abgewiesene Emigranten auf eigene
Kosten zurück zu transportieren, erklärte sich bereit, in Hamburg eine
Massenunterkunft zu errichten. Auf diese Weise konnten die Auswanderer vor
Abreise untersucht und bei Krankheitsverdacht in Quarantäne gebracht werden.
Im
August 1892 brach in Hamburg die Cholera aus. Bis zum Erlöschen der Epidemie im
November starben etwa 10.000 Menschen. Die Einschleppung der Krankheit wurde (fälschlicher
Weise) den russischen Auswanderern angelastet. In der Folge wurden sowohl die
Russisch-Preussische als auch die Hamburger Grenze völlig geschlossen, das
Geschäft mit den Auswanderern sank auf den Nullpunkt.
Albert
Ballin erreichte nach zähen Verhandlungen mit den Behörden eine Öffnung der
Grenzen für Auswanderer, in dem die HAPAG zusammen mit dem Norddeutschen Lloyd
die Kosten für Kontrollstationen an der Grenze übernahm, an denen die
Auswanderer ärztlich untersucht und desinfiziert wurden. Die beiden Unternehmen
erlangten damit eine Monopolstellung, denn weiterreisen durfte nur, wer im
Besitz einer Schifffahrtskarte einer der beiden Linien war.
1898
wurde das Gelände der Auswandererbaracken von der Stadt für den Bau von großen
Kaischuppen beansprucht. Der Senat stellte ein Ersatzgelände auf der Veddel zur
Verfügung, wo 1901 von der HAPAG die „Auswandererhallen“ eröffnet wurden.
Mit
dem Bau der "Auswandererhallen" konnte der um die Jahrhundertwende
wieder einsetzende Strom von Emigranten - vor allem aus dem osteuropäischen
Raum - nun an der Stadt vorbeigeleitet werden; die großzügig dimensionierte
Anlage verfügte über einen eigenen Bahnanschluss.
Insgesamt
fast 190.000 Auswanderer reisten allein im Jahr 1907 über Hamburg in eine
ungewisse Zukunft. Hamburg war der bedeutendste Auswandererhafen in Deutschland
geworden.
In der Zeit
zwischen 1815 und 1940 verließen über 50 Millionen Menschen Europa, um
in den USA, Kanada, Argentinien, Brasilien, Australien oder einem anderen Land
ein neues Leben zu beginnen. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs lebten 21 % der
Europäer außerhalb Europas. Die Emigration veränderte nicht nur Familien- und
Dorfgemeinschaften, sie prägte die europäische Geschichte und die Entwicklung
des größten Einwanderungslandes: die USA.
Die Auswanderung entwickelte sich von
West nach Ost: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die meisten
Emigranten aus Britannien, Irland und Skandinavien. Die Auswanderungswelle
ergriff dann die deutschsprachigen Länder. Höhepunkte der deutschen
Auswanderung waren die Jahre 1854, 1872 und 1881. Danach begann die Zeit der
Massenemigration aus Ost- und Südosteuropa.
Insgesamt wanderten etwa 7 Millionen
Deutsche aus, die meisten von ihnen in die USA. Etwa 60 Millionen Amerikaner
haben deutsche Wurzeln.
Religiöse
Motive
waren ausschlaggebend für die ersten deutschen Auswanderer: Der Beginn der
deutschen Besiedlung in den USA wird auf den Pietisten Francis Daniel Pastorius
(1651 - 1720) zurückgeführt. Er wanderte in die USA aus, um dort ein
„frommes“ Leben nach seinen Vorstellungen zu führen, was ihm im „Heiligen
Römischen Reich Deutscher Nation“ verwehrt war.
Auch
politische Motive spielten eine Rolle. Dies galt vor allem für die „1848-er
Generation“, aus der viele Vertreter nach der gescheiterten Revolution ins
Ausland flohen. Der prominenteste Auswanderer dieser Generation, Carl Schurz,
wurde zu einem der einflussreichsten deutschstämmigen Politiker der USA.
Im
19. Jahrhundert
waren es meist wirtschaftliche Gründe, Armut infolge von Missernten und
Überbevölkerung, Zerstörungen durch Krieg und mangelnde Arbeitsperspektive,
die zu dem Entschluss führten, in einer neuen Heimat das Glück zu suchen. Im
Gegensatz zu Europa, das bei eher geringen Ressourcen einen Überschuss an
Arbeitskräften hatte, mangelte es in Amerika an arbeitsfähigen Menschen. Darüber
hinaus übte das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ eine starke
Anziehungskraft vor allem auf junge Menschen aus. Die Kenntnisse über dieses
Land waren oft spärlich, umso phantasievoller stellte sich manch einer seine
„goldene Zukunft“ in Amerika vor.
Massenarmut
und Pogrome in Ost- und Südost-Europa
gehörten zu den Auslösern der Massenauswanderung, die in den 1880-er Jahren
einsetzte und in den USA als „New Immigration“ bezeichnet wird. Möglich
wurde diese durch verkehrstechnische Errungenschaften, vor allem durch den
Ausbau der Bahnlinien und die Ablösung der Segel- durch Dampfschiffe. 2.725.000
Menschen jüdischen Glaubens wanderten zwischen 1880 und 1914 aus Europa nach Übersee
aus.
Hauptmotiv
für die Massenauswanderung aus Ost- und Südosteuropa war die Situation der
russischen Juden. Durch zwei Teilungen Polens (1772, 1793) und die vollständige
Auflösung des polnischen Staates 1795 wurden einige hunderttausend polnische
Juden schlagartig Einwohner des Russischen Reiches. Die Freiheiten der jüdischen
Bevölkerung in Russland wurden beschränkt, da das Judentum als eine Gefährdung
für das Christentum betrachtet wurde. Dies trug dazu bei, dass die jüdische
Bevölkerung sich in eigenen Dörfern zusammenschloss und in die
gesellschaftliche Isolation geriet. Zu Konflikten zwischen jüdischen Geschäftsleuten
und dem russischen und polnischen Adel kam es insbesondere bei Fragen des
Bodenbesitzes.
Nach
der Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahre 1881 wurde das Gerücht
verbreitet, dass es sich um einen Anschlag von Juden gehandelt habe. Dies schürte
Ressentiments gegenüber der jüdischen Bevölkerung und führte zu gewalttätigen,
staatlich geduldeten Übergriffen. Eine Pogromwelle, die in Elisabethgrad
(Ukraine) von Arbeitslosen und Bauern ausgelöst wurde, umfasste in den Jahren
1881/82 schließlich über 200 Städte, vor allem in Südrussland. Allein in
Kiew wurden 792 Menschen getötet.
Pogrome,
neue Restriktionen, hohe Steuerbelastungen, Erniedrigungen und unerträgliche
Bedingungen im Ansiedlungsrayon verursachten die erste große jüdische
Auswanderungswelle in Richtung Westeuropa und Amerika. Das trug dazu bei, dass
sich zwischen 1881 und 1890 die Zahl der Auswanderer über Hamburg verdoppelte.
Auch
Anfang des 20. Jahrhunderts war die Atmosphäre in Russland sehr
angespannt. Landwirte, Soldaten und Arbeitslose begannen öffentlich gegen die
Obrigkeit zu protestieren. Um die Menschen von der Armut und der schwierigen
wirtschaftlichen Lage abzulenken, betrieb Russland eine expansive Politik in
Ostasien, was zum Krieg mit Japan führte. Im Zuge des Krieges kam es zu einer
neuen Welle antisemitischer Aufstände, da Juden als Kollaborateure der Japaner
angesehen wurden. Beim ersten Pogrom (noch vor dem Krieg) zu Ostern 1903 in
Chisinau wurden 45 Personen getötet sowie 1300 Häuser und Läden geplündert.
Die milde Bestrafung der Täter begünstigte eine neue Welle antisemitischer Übergriffe.
Zu einer weiteren Eskalation kam es in den Jahren 1905/06, als Pogrome in über
300 Städten, u.a. in Brest, Odessa, Minsk, Lodz und Kiew stattfanden. Fast
1.000 Menschen kamen ums Leben und viele Tausende wurden schwer verletzt. Diese
Pogromwelle war noch blutiger als jene der Jahre 1881/82.
Das
Ziel der weitaus meisten Emigranten waren die USA.
1892
wurde in New York die Bundeseinwanderungsstelle auf Ellis Island eröffnet,
quasi das Gegenstück zu Ballinstadt. Hier wurden täglich Tausende von
Einwanderern kontrolliert. Am 17. April 1907, dem Tag mit der Höchstzahl an
Einwanderern auf Ellis Island überhaupt, wurden 11.747 Personen abgefertigt.
Auswanderung 1918 – 1933
Die
Zahl der Auswanderer verringerte sich nach dem Ersten Weltkrieg drastisch. Dies
hatte mehrere Gründe:
Zunächst
mussten die verkehrstechnischen Voraussetzungen wieder geschaffen werden, denn
im Verlauf des Ersten Weltkriegs war praktisch die gesamte deutsche
Handelsflotte zerstört worden. Dies gelang relativ schnell, so dass bereits
1922 die Voraussetzungen für den transatlantischen Personenverkehr wieder als
gut bezeichnet werden konnten.
Angesichts
von Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit wurde in den USA ein
Einwanderungsgesetz erlassen, das am 1. Juli 1921 in Kraft trat. Für jedes
Herkunftsland wurde eine Höchstzahl von jährlich zuzulassenden Einwanderern
festgelegt. Darüber hinaus wurde der absolute Umfang der Einwanderung begrenzt.
Diese Quoten betrafen am stärksten die Länder Ost- und Südosteuropas, also
die Regionen, aus denen der Hauptstrom der Auswanderer in den 30 Jahre vor dem
Ersten Weltkrieg kamen.
In
den Jahren 1924, 1929 und 1930 wurden die Einwanderungs-Quoten der USA weiter
herabgesetzt. Die Transitwanderung von Ost- und Südosteuropa über Deutschland
in die „Neue Welt“ nahm stark ab. Deutsche Auswanderer stellten nun einen
deutlich höheren Anteil an Auswanderern als vor dem Krieg. So kamen in den
20-er Jahren etwa 70 Prozent der Auswanderer, die über Bremerhaven reisten, und
etwa 50 Prozent der Auswanderer, die über Hamburg reisten, aus dem Deutschen
Reich. 1923 wurde ein absoluter Höhepunkt deutscher Auswanderung erreicht, mit
115.431 Menschen, die das Land in diesem Jahr verließen. In den darauf
folgenden Jahren pendelte sich die Zahl der Emigranten bei etwa 50.000 Personen
jährlich ein.
Der
rapide Rückgang von Zwischendeckspassagieren zwang die Reederein dazu, sich
neue Kundenkreise zu erschließen. Diese fand sie im touristischen Reiseverkehr,
der langsam anfing, die Weltmeere zu erobern.
Auswanderung über Hamburg 1914 bis
1933
Als
am 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung begann, wurden die Auswandererhallen
von der Marineverwaltung requiriert. Sie dienten während des Ersten Weltkriegs
als Lazarett. Nach dem Ersten Weltkrieg reisten wieder Auswanderer durch
Hamburg, aber es war nur noch ein Bruchteil der Zahl derer, die im ersten
Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hier Abschied von Europa nahmen. Zwischen 1918
und 1954 wurden insgesamt „nur“ etwa 300.000 Auswanderer in Hamburg
registriert.
Hauptgrund
für den starken Rückgang der Auswanderung war die schlechte wirtschaftliche
Lage in den USA. Als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde 1924 eine
Einwanderungsquote eingeführt, die den Zustrom von Menschen stark eindämmte.
1924
wurden die Hamburger Auswandererhallen zu einer Heimunterkunft umgebaut und in
„Überseeheim der HAPAG“ umbenannt. Insgesamt nutzten in diesem Jahr nur
etwa 20.000 Personen die umgebauten und renovierten Unterkünfte, in denen nur
etwa 10 Jahre vorher noch 170.000 Personen pro Jahr untergebracht waren. Die
Zeit der Massenauswanderung war vorbei.
Flucht und Vertreibung 1933 - 1941
Der
Terror in den ersten Monaten der NS-Herrschaft nach dem Reichstagsbrand am
27.2.1933 führte zu einer ersten Fluchtwelle. Vor allem diejenigen, die aus
politischen Gründen besonders gefährdet waren, mussten fluchtartig ihre
Deutschland verlassen. Das betraf in erster Linie Politiker, Journalisten,
Schriftsteller und Künstler, darunter nicht wenige Juden. Die meisten der
insgesamt 37.000 Emigranten dieses Jahres flohen in europäische Nachbarländer,
vor allem nach Frankreich.
In
den folgenden zwei Jahren ebbte die Fluchtwelle ab. Viele Juden reagierten auf
die nun eher „schleichenden“ antijüdischen Maßnahmen mit einem Rückzug
ins „innere Exil“.
Die
deutsche Devisengesetzgebung, die allen jüdischen Flüchtlingen auferlegt
wurde, und die „Reichsfluchtsteuer“ erschwerten die Auswanderung in großem
Maße. Die staatliche Ausplünderung wurde mit diesen Mitteln zunehmend verschärft.
Ein
weiteres Hindernis für Auswanderer waren die restriktiven
Einwanderungsbestimmungen der Zielländer. Die meisten Länder hatten wie die
USA seit der Weltwirtschaftskrise die Einreisebestimmungen verschärft und
Einwandererquoten eingeführt . So mussten Einwanderer in die USA ein
„Affidavit“ (eine Bürgschaftserklärung eines dortigen Bürgers)
beibringen. Carl Lämmle, der 1884 als mittelloser junger Mann in die USA
ausgewandert und zu einem der größten Filmmoguln aufgestiegen war, stellte über
300 „Affidavits“ aus.
Die
zweite Auswanderungswelle im Nationalsozialismus setzte im Herbst 1935 ein. Ein
Auslöser waren die „Nürnberger Gesetze“, mit denen die Gleichstellung der
Juden aufgehoben wurde, z. B. durch den Entzug der politischen Rechte und das
Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden. Die „Reichsvertretung
der Juden in Deutschland“, die Zentralorganisation des deutschen Judentums, in
der die jüdischen Organisationen und Einrichtungen vertreten waren, erklärte
1935 die „Vorbereitung und Durchführung der Auswanderung“, vor allem der
jungen Generation, zum „Kernstück“ ihrer Arbeit.
Mehrere
Organisationen unterstützten die jüdische Auswanderung: der „Hilfsverein der
deutschen Juden“, der sich ab Herbst 1935 „Hilfsverein der Juden in
Deutschland“ nennen musste, die „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge“
und das „Palästina-Amt“. Die Arbeit dieser Organisationen führte zu einem
deutlichen Anstieg der Auswandererzahlen. Mit 24.000 Auswanderern im Jahr 1936
wurde die von der Reichsvertretung erwarteten Maximalzahl deutlich übertroffen.
Die
Verfolgungsmaßnahmen gipfelten im Pogrom der „Reichskristallnacht“ vom 9.
/10. November 1938. Eine Massenflucht begann; rund 40.000 Menschen verließen
Deutschland bis zum Jahresende. Die meisten von ihnen flüchteten nach Übersee,
vor allem in die USA.
Die
ehemaligen „Auswandererhallen“ standen den Emigranten nicht mehr lange zur
Verfügung, die HAPAG übergab sie 1934 der Stadt Hamburg. Im April 1934 zog die
SS-Standarte „Germania“ in zwei Drittel des „Überseeheims“ ein; sieben
Monate lang kam es zur direkten Nachbarschaft zwischen der SS und Auswanderern,
die vor dem Regime flüchteten - eine unerträgliche Situation. Am 1. November
1934 nahm die SS den gesamten Komplex in Besitz.
1940
dienten die verbliebenen Baracken der ehemaligen „Auswandererhallen“ der
Unterbringung von 500 französischen Kriegsgefangenen, die auch zu Aufräumungsarbeiten
herangezogen wurden. Im April 1941 fielen Sprengbomben auf das Gelände,
allerdings ohne großen Schaden anzurichten.
Im
Oktober 1941 wurde die Auswanderung verboten. Insgesamt flüchteten in der Zeit
des Nationalsozialismus etwa 275.000 - 300.000 Juden aus Deutschland
Auswanderung
nach 1945
Für
Deutsche verhängte der Alliierte Kontrollrat ein Auswanderungsverbot, um zu
verhindern, dass Kriegsverbrecher und Nationalsozialisten das Land verließen.
Auch sollte die Abwanderung von Arbeitskräften, die für den Wiederaufbau des
Landes dringend benötigt wurden, verhindert werden. Eine Ausnahmeregelung ermöglichte
Wissenschaftlern und Spezialisten die Ausreise.
Der
so genannte „brain drain“ erreichte aber keinen großen Umfang. Insgesamt
verließen zwischen 450 und 660 Wissenschaftler Deutschland, der prominenteste
von ihnen war Wernher von Braun.
Unfreiwillige
Auswanderer, sogenannte Displaced Persons und andere
Eine
der gravierendsten Folgen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland war die enorme
Migrationsbewegung durch Flüchtlinge, Evakuierte, Vertriebene und
Kriegsgefangene.
Millionen
Menschen, die vor den Luftangriffen aus den großen Städten geflohen waren,
kehrten in die zerstörten Städte zurück. Weitere Millionen Deutsche waren auf
der Flucht aus den ehemaligen Ostgebieten. Dazu kamen Kinder, die aus der
„Verschickung“ zurückkamen und ehemalige, nach Deutschland entlassene,
Kriegsgefangene der Alliierten. Zwei von fünf Deutschen befanden sich bei
Kriegsende nicht in ihrem Heimatort.
Viele
Menschen konnten aufgrund der politischen Veränderungen nicht aus Deutschland
in ihre Heimat zurückkehren. Etwa 10 bis 11 Millionen "Displaced Persons (DPs)“
befanden sich in Deutschland. Als „Displaced Persons“ bezeichneten die
Alliierten „Zivilpersonen, die sich wegen Kriegseinwirkungen außerhalb der
nationalen Grenzen befinden und die, 1.) obwohl sie es wollen, nicht in der Lage
sind, nach Hause zurückzukehren oder ein neues Zuhause ohne fremde Hilfe zu
finden; 2.) in feindliches oder ehemals feindliches Gebiet zurückgebracht
werden sollen." Das waren ehemalige Zwangsarbeiter, Überlebende aus den
Konzentrationslagern und befreite Kriegsgefangene.
Das
oberste Ziel der Alliierten war deren Repatriierung. Der Erfolg dieser schweren
Aufgabe wird darin deutlich, dass die Zahl der „DPs“ in den drei Westzonen
innerhalb des ersten halben Jahres nach Kriegsende von geschätzten 4,5 bis 6,5
Millionen auf 1,5 Millionen sank. Die verbliebenen „DPs“ kamen überwiegend
aus Osteuropa. Vor allem Polen weigerten sich aufgrund der politischen Verhältnisse
zurückzukehren. Die Folge war, dass sie in Deutschland blieben, wo sie in
Lagern untergebracht waren.
Viele
wollten emigrieren. Im Mai 1946 verließ das erste Schiff mit dem offiziellen
Auftrag, Flüchtlinge und „DPs“ in die Vereinigten Staaten zu bringen,
Bremerhaven. Bis Mitte der 50er Jahre wanderten etwa eine halbe Million „DPs“
in die USA aus, mehr als ein Viertel davon waren Juden. Die meisten reisten auf
ehemaligen Truppentransporten von Bremerhaven nach New York.
Als
erstes Land erlaubten die USA ab dem Frühjahr 1947 wieder die Einreise
deutscher Staatsbürger. Doch gab es nach wie vor große Hürden bis zur Visa
Erteilung. So musste in der Regel ein US Bürger gefunden werden, der für den
Immigranten bürgte. Wiederum waren es die religiösen Hilfsorganisationen die
den Emigranten mit Rat und Tat zur Seite standen.
Als
im Sommer 1949 in den Westzonen die Auswanderungssperre aufgehoben wurde, wurde
Hamburg wiederum das „Tor zur Welt“.
Erneut
setzte ein Auswandererstrom ein, der jedoch längst nicht mehr die Ausmaße
hatte, wie die Auswanderung zu Beginn des Jahrhunderts. Auf der Elbinsel
Finkenwerder wurden die Baracken eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers als
neue Unterkunft für Auswanderer zunächst notdürftig hergerichtet und dann
1954 modernisiert. In den 50-er Jahren emigrierten im Durchschnitt jährlich ca.
65.000 Deutsche, etwa die Hälfte davon in die USA.
In
Wentorf bei Hamburg wurde ein „Auswanderer-Überprüfungslager“ errichtet,
in dem im Jahr 1951 etwa 19.000 Menschen die Ausreise beantragten; nur etwa 2/3
von ihnen wurde sie auch bewilligt
Doch
die Auswanderung verlor in Hamburg fast völlig an Bedeutung. 1954 reisten
lediglich noch 4719 Menschen über Hamburg in die USA.
In
den 60-er Jahre löste das Flugzeug die Schiffe als Hauptverkehrsmittel ab. Die
Auswandererzahlen gingen kontinuierlich zurück.
1962/63
kam das endgültige Aus für die noch übrig gebliebenen Gebäude der ehemaligen
„Auswandererhallen“. Neben dem Kirchengebäude wurden auch die verbliebenen
Pavillons bis auf einen abgerissen; dieser bildet nun das Herzstück des
Migrations-Museums BallinStadt.
Zu
guter letzt oder wer suchet der findet:
Institutionen,
die bei der Suche nach ausgewanderten Vorfahren behilflich sein können
(Auswahl):
Deutschland
»
MyFamily GmbH: www.ancestry.de
» Staatsarchiv Hamburg: http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/staatsarchiv/start.html
» Historisches Museum
Bremerhaven: www.deutsche-auswanderer-datenbank.de
» Staatsarchiv Bremen: www.passagierlisten.de
» Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA: www.dausa.de
» Nordfriisk Instituut: www.nordfriiskinstituut.de/indexausw.html
» Institute for Migration and
Ancestral Research e. V. / Rostock: www.imar-mv.com
» Hauptstaatsarchiv Stuttgart: www.auswanderer.lad-bw.de
» Genealogie-Service.de GmbH: www.ahnenforschung.net
» Genealogische Gesellschaft Hamburg: http://gghh.genealogy.net
USA
» Ellis Island / New York: www.ellisisland.org
»
The National Archives and Records Administration: www.archives.gov
»
Mystic Seaport: www.mysticseaport.org/library/immigration/intro.cfm
Internationale Forschungsportale:
» MyFamily Inc.: www.myfamily.com,
www.ancestry.com
» JewishGen, Inc.: www.jewishgen.org/databases/EIDB
»
The Genealogical Society Library: www.familysearch.org
»
Genealogische Gesellschaft: www.genealogy.net