Vortrag von Karsten Fabel bei OT 40 Eckernförde

 

BallinStadt - Auswanderung aus Hamburg

 

Am 5. Juli öffnete auf der Elbinsel Veddel die BallinStadt Auswandererwelt Hamburg ihre Pforten. Auf dem Boden der historischen Auswandererstadt, die von der Reederei HAPAG unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin zwischen 1898 und 1901 errichtet und 1906/07 erweitert wurde, widmet sich  nun ein Museum der Geschichte von über fünf Millionen Menschen, die zwischen 1850 und 1934 ihre Heimat verließen, um von Hamburg aus nach Amerika aufzubrechen und ein neues Leben anzufangen.

 

Die Entwicklung Hamburgs zum Auswandererhafen Nr. 1

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Hamburger Hafen für Auswanderer von geringer Bedeutung. Während zwischen 1836 und 1850 insgesamt nur etwa 40.000 Menschen über Hamburg ihre Heimat verließen, schifften sich in Bremen bzw. Bremerhaven zur gleichen Zeit über 235.000 Auswanderer ein. Grund dafür war die fortschrittliche Auswanderer-Gesetzgebung in Bremen seit 1832.

Hamburg entschließt sich 1847 die bremischen Vorgaben zu übernehmen. Damit beginnt Hamburgs Ära als Auswandererhafen.

1847 wurde die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) gegründet. Knapp 10 Jahre später setzte die HAPAG ihr erstes Dampf getriebenes Passagierschiff ein. Eine neue Ära in der Schifffahrt hatte begonnen.

 

Die Rolle Albert Ballins

Albert Ballin (1857 - 1918), jüngster Sohn eines jüdischen Kaufmanns, übernahm schon als 17-Jähriger die Agentur für Auswanderer seines Vaters. Er führte das Geschäft erfolgreich, indem er auf der Route nach Amerika Auswanderer auf die Frachtschiffe der CARR Linie vermittelte. Zu ihrer Beförderung wurden die Laderäume für Zwischendeckspassagiere umgerüstet, auf der Rückfahrt nach Europa wurde Fracht transportiert. Die CARR-Linie wurde für die HAPAG ein ernst zu nehmender Konkurrent im Auswanderergeschäft. Die große Reederei übernahm 1886 Albert Ballin und machte ihn zum Leiter der Passageabteilung.

Ballin war damit zuständig für das Auswanderergeschäft und stieg innerhalb der HAPAG schnell empor, bis er 1888 deren Direktor und 1899 deren Generaldirektor wurde.

Der Ausbau eines Agentennetzes zur Werbung von Auswanderern in Ost- und Südosteuropa trug wesentlich dazu bei, Hamburg zum führenden Auswandererhafen in Deutschland zu machen.

Ab Januar 1892 wurden, aus Furcht vor der Ausbreitung ansteckender Krankheiten, die Grenzkontrollen zwischen Russland und Preußen verschärft. Auswanderern wurde die Einreise nach Preußen nur gestattet, wenn keine gesundheitlichen Bedenken bestanden. Außerdem mussten sie im Besitz einer Eisenbahnfahrkarte nach Hamburg oder Bremen und einer Schiffskarte sein. Mittellosen russischen Juden wurde die Weiterreise nur genehmigt, wenn sie eine Garantie von dem Hilfskomitee für die russischen Juden vorweisen konnten, dass sie „kostenfrei und ohne Aufenthalt in Deutschland nach Amerika“ befördert würden. Die HAPAG, die verpflichtet war, in den USA abgewiesene Emigranten auf eigene Kosten zurück zu transportieren, erklärte sich bereit, in Hamburg eine Massenunterkunft zu errichten. Auf diese Weise konnten die Auswanderer vor Abreise untersucht und bei Krankheitsverdacht in Quarantäne gebracht werden.

Im August 1892 brach in Hamburg die Cholera aus. Bis zum Erlöschen der Epidemie im November starben etwa 10.000 Menschen. Die Einschleppung der Krankheit wurde (fälschlicher Weise) den russischen Auswanderern angelastet. In der Folge wurden sowohl die Russisch-Preussische als auch die Hamburger Grenze völlig geschlossen, das Geschäft mit den Auswanderern sank auf den Nullpunkt.

Albert Ballin erreichte nach zähen Verhandlungen mit den Behörden eine Öffnung der Grenzen für Auswanderer, in dem die HAPAG zusammen mit dem Norddeutschen Lloyd die Kosten für Kontrollstationen an der Grenze übernahm, an denen die Auswanderer ärztlich untersucht und desinfiziert wurden. Die beiden Unternehmen erlangten damit eine Monopolstellung, denn weiterreisen durfte nur, wer im Besitz einer Schifffahrtskarte einer der beiden Linien war.

1898 wurde das Gelände der Auswandererbaracken von der Stadt für den Bau von großen Kaischuppen beansprucht. Der Senat stellte ein Ersatzgelände auf der Veddel zur Verfügung, wo 1901 von der HAPAG die „Auswandererhallen“ eröffnet wurden.

Mit dem Bau der "Auswandererhallen" konnte der um die Jahrhundertwende wieder einsetzende Strom von Emigranten - vor allem aus dem osteuropäischen Raum - nun an der Stadt vorbeigeleitet werden; die großzügig dimensionierte Anlage verfügte über einen eigenen Bahnanschluss.

Insgesamt fast 190.000 Auswanderer reisten allein im Jahr 1907 über Hamburg in eine ungewisse Zukunft. Hamburg war der bedeutendste Auswandererhafen in Deutschland geworden.

 

 

Zeitlicher Verlauf von Emigration und deren Gründe

 

In der Zeit  zwischen 1815 und 1940 verließen über 50 Millionen Menschen Europa, um in den USA, Kanada, Argentinien, Brasilien, Australien oder einem anderen Land ein neues Leben zu beginnen. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs lebten 21 % der Europäer außerhalb Europas. Die Emigration veränderte nicht nur Familien- und Dorfgemeinschaften, sie prägte die europäische Geschichte und die Entwicklung des größten Einwanderungslandes: die USA.

Die Auswanderung entwickelte sich von West nach Ost: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen die meisten Emigranten aus Britannien, Irland und Skandinavien. Die Auswanderungswelle ergriff dann die deutschsprachigen Länder. Höhepunkte der deutschen Auswanderung waren die Jahre 1854, 1872 und 1881. Danach begann die Zeit der Massenemigration aus Ost- und Südosteuropa.

Insgesamt wanderten etwa 7 Millionen Deutsche aus, die meisten von ihnen in die USA. Etwa 60 Millionen Amerikaner haben deutsche Wurzeln.

Religiöse Motive waren ausschlaggebend für die ersten deutschen Auswanderer: Der Beginn der deutschen Besiedlung in den USA wird auf den Pietisten Francis Daniel Pastorius (1651 - 1720) zurückgeführt. Er wanderte in die USA aus, um dort ein „frommes“ Leben nach seinen Vorstellungen zu führen, was ihm im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ verwehrt war.

Auch politische Motive spielten eine Rolle. Dies galt vor allem für die „1848-er Generation“, aus der viele Vertreter nach der gescheiterten Revolution ins Ausland flohen. Der prominenteste Auswanderer dieser Generation, Carl Schurz, wurde zu einem der einflussreichsten deutschstämmigen Politiker der USA.

Im 19. Jahrhundert waren es meist wirtschaftliche Gründe, Armut infolge von Missernten und Überbevölkerung, Zerstörungen durch Krieg und mangelnde Arbeitsperspektive, die zu dem Entschluss führten, in einer neuen Heimat das Glück zu suchen. Im Gegensatz zu Europa, das bei eher geringen Ressourcen einen Überschuss an Arbeitskräften hatte, mangelte es in Amerika an arbeitsfähigen Menschen. Darüber hinaus übte das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ eine starke Anziehungskraft vor allem auf junge Menschen aus. Die Kenntnisse über dieses Land waren oft spärlich, umso phantasievoller stellte sich manch einer seine „goldene Zukunft“ in Amerika vor.

Massenarmut und Pogrome in Ost- und Südost-Europa gehörten zu den Auslösern der Massenauswanderung, die in den 1880-er Jahren einsetzte und in den USA als „New Immigration“ bezeichnet wird. Möglich wurde diese durch verkehrstechnische Errungenschaften, vor allem durch den Ausbau der Bahnlinien und die Ablösung der Segel- durch Dampfschiffe. 2.725.000 Menschen jüdischen Glaubens wanderten zwischen 1880 und 1914 aus Europa nach Übersee aus.

Hauptmotiv für die Massenauswanderung aus Ost- und Südosteuropa war die Situation der russischen Juden. Durch zwei Teilungen Polens (1772, 1793) und die vollständige Auflösung des polnischen Staates 1795 wurden einige hunderttausend polnische Juden schlagartig Einwohner des Russischen Reiches. Die Freiheiten der jüdischen Bevölkerung in Russland wurden beschränkt, da das Judentum als eine Gefährdung für das Christentum betrachtet wurde. Dies trug dazu bei, dass die jüdische Bevölkerung sich in eigenen Dörfern zusammenschloss und in die gesellschaftliche Isolation geriet. Zu Konflikten zwischen jüdischen Geschäftsleuten und dem russischen und polnischen Adel kam es insbesondere bei Fragen des Bodenbesitzes.

Nach der Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahre 1881 wurde das Gerücht verbreitet, dass es sich um einen Anschlag von Juden gehandelt habe. Dies schürte Ressentiments gegenüber der jüdischen Bevölkerung und führte zu gewalttätigen, staatlich geduldeten Übergriffen. Eine Pogromwelle, die in Elisabethgrad (Ukraine) von Arbeitslosen und Bauern ausgelöst wurde, umfasste in den Jahren 1881/82 schließlich über 200 Städte, vor allem in Südrussland. Allein in Kiew wurden 792 Menschen getötet.

Pogrome, neue Restriktionen, hohe Steuerbelastungen, Erniedrigungen und unerträgliche Bedingungen im Ansiedlungsrayon verursachten die erste große jüdische Auswanderungswelle in Richtung Westeuropa und Amerika. Das trug dazu bei, dass sich zwischen 1881 und 1890 die Zahl der Auswanderer über Hamburg verdoppelte.

Auch Anfang des 20. Jahrhunderts war die Atmosphäre in Russland sehr angespannt. Landwirte, Soldaten und Arbeitslose begannen öffentlich gegen die Obrigkeit zu protestieren. Um die Menschen von der Armut und der schwierigen wirtschaftlichen Lage abzulenken, betrieb Russland eine expansive Politik in Ostasien, was zum Krieg mit Japan führte. Im Zuge des Krieges kam es zu einer neuen Welle antisemitischer Aufstände, da Juden als Kollaborateure der Japaner angesehen wurden. Beim ersten Pogrom (noch vor dem Krieg) zu Ostern 1903 in Chisinau wurden 45 Personen getötet sowie 1300 Häuser und Läden geplündert. Die milde Bestrafung der Täter begünstigte eine neue Welle antisemitischer Übergriffe. Zu einer weiteren Eskalation kam es in den Jahren 1905/06, als Pogrome in über 300 Städten, u.a. in Brest, Odessa, Minsk, Lodz und Kiew stattfanden. Fast 1.000 Menschen kamen ums Leben und viele Tausende wurden schwer verletzt. Diese Pogromwelle war noch blutiger als jene der Jahre 1881/82.

 

Das Ziel der weitaus meisten Emigranten waren die USA.

1892 wurde in New York die Bundeseinwanderungsstelle auf Ellis Island eröffnet, quasi das Gegenstück zu Ballinstadt. Hier wurden täglich Tausende von Einwanderern kontrolliert. Am 17. April 1907, dem Tag mit der Höchstzahl an Einwanderern auf Ellis Island überhaupt, wurden 11.747 Personen abgefertigt.

 

Auswanderung 1918 – 1933

 

Die Zahl der Auswanderer verringerte sich nach dem Ersten Weltkrieg drastisch. Dies hatte mehrere Gründe:

Zunächst mussten die verkehrstechnischen Voraussetzungen wieder geschaffen werden, denn im Verlauf des Ersten Weltkriegs war praktisch die gesamte deutsche Handelsflotte zerstört worden. Dies gelang relativ schnell, so dass bereits 1922 die Voraussetzungen für den transatlantischen Personenverkehr wieder als gut bezeichnet werden konnten.

Angesichts von Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit wurde in den USA ein Einwanderungsgesetz erlassen, das am 1. Juli 1921 in Kraft trat. Für jedes Herkunftsland wurde eine Höchstzahl von jährlich zuzulassenden Einwanderern festgelegt. Darüber hinaus wurde der absolute Umfang der Einwanderung begrenzt. Diese Quoten betrafen am stärksten die Länder Ost- und Südosteuropas, also die Regionen, aus denen der Hauptstrom der Auswanderer in den 30 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg kamen.

In den Jahren 1924, 1929 und 1930 wurden die Einwanderungs-Quoten der USA weiter herabgesetzt. Die Transitwanderung von Ost- und Südosteuropa über Deutschland in die „Neue Welt“ nahm stark ab. Deutsche Auswanderer stellten nun einen deutlich höheren Anteil an Auswanderern als vor dem Krieg. So kamen in den 20-er Jahren etwa 70 Prozent der Auswanderer, die über Bremerhaven reisten, und etwa 50 Prozent der Auswanderer, die über Hamburg reisten, aus dem Deutschen Reich. 1923 wurde ein absoluter Höhepunkt deutscher Auswanderung erreicht, mit 115.431 Menschen, die das Land in diesem Jahr verließen. In den darauf folgenden Jahren pendelte sich die Zahl der Emigranten bei etwa 50.000 Personen jährlich ein.

Der rapide Rückgang von Zwischendeckspassagieren zwang die Reederein dazu, sich neue Kundenkreise zu erschließen. Diese fand sie im touristischen Reiseverkehr, der langsam anfing, die Weltmeere zu erobern.

 

Auswanderung über Hamburg 1914 bis 1933

Als am 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung begann, wurden die Auswandererhallen von der Marineverwaltung requiriert. Sie dienten während des Ersten Weltkriegs als Lazarett. Nach dem Ersten Weltkrieg reisten wieder Auswanderer durch Hamburg, aber es war nur noch ein Bruchteil der Zahl derer, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hier Abschied von Europa nahmen. Zwischen 1918 und 1954 wurden insgesamt „nur“ etwa 300.000 Auswanderer in Hamburg registriert.

Hauptgrund für den starken Rückgang der Auswanderung war die schlechte wirtschaftliche Lage in den USA. Als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde 1924 eine Einwanderungsquote eingeführt, die den Zustrom von Menschen stark eindämmte.

1924 wurden die Hamburger Auswandererhallen zu einer Heimunterkunft umgebaut und in „Überseeheim der HAPAG“ umbenannt. Insgesamt nutzten in diesem Jahr nur etwa 20.000 Personen die umgebauten und renovierten Unterkünfte, in denen nur etwa 10 Jahre vorher noch 170.000 Personen pro Jahr untergebracht waren. Die Zeit der Massenauswanderung war vorbei.

Flucht und Vertreibung 1933 - 1941

Der Terror in den ersten Monaten der NS-Herrschaft nach dem Reichstagsbrand am 27.2.1933 führte zu einer ersten Fluchtwelle. Vor allem diejenigen, die aus politischen Gründen besonders gefährdet waren, mussten fluchtartig ihre Deutschland verlassen. Das betraf in erster Linie Politiker, Journalisten, Schriftsteller und Künstler, darunter nicht wenige Juden. Die meisten der insgesamt 37.000 Emigranten dieses Jahres flohen in europäische Nachbarländer, vor allem nach Frankreich.

In den folgenden zwei Jahren ebbte die Fluchtwelle ab. Viele Juden reagierten auf die nun eher „schleichenden“ antijüdischen Maßnahmen mit einem Rückzug ins „innere Exil“.

Die deutsche Devisengesetzgebung, die allen jüdischen Flüchtlingen auferlegt wurde, und die „Reichsfluchtsteuer“ erschwerten die Auswanderung in großem Maße. Die staatliche Ausplünderung wurde mit diesen Mitteln zunehmend verschärft.

Ein weiteres Hindernis für Auswanderer waren die restriktiven Einwanderungsbestimmungen der Zielländer. Die meisten Länder hatten wie die USA seit der Weltwirtschaftskrise die Einreisebestimmungen verschärft und Einwandererquoten eingeführt . So mussten Einwanderer in die USA ein „Affidavit“ (eine Bürgschaftserklärung eines dortigen Bürgers) beibringen. Carl Lämmle, der 1884 als mittelloser junger Mann in die USA ausgewandert und zu einem der größten Filmmoguln aufgestiegen war, stellte über 300 „Affidavits“ aus.

Die zweite Auswanderungswelle im Nationalsozialismus setzte im Herbst 1935 ein. Ein Auslöser waren die „Nürnberger Gesetze“, mit denen die Gleichstellung der Juden aufgehoben wurde, z. B. durch den Entzug der politischen Rechte und das Verbot der Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden. Die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“, die Zentralorganisation des deutschen Judentums, in der die jüdischen Organisationen und Einrichtungen vertreten waren, erklärte 1935 die „Vorbereitung und Durchführung der Auswanderung“, vor allem der jungen Generation, zum „Kernstück“ ihrer Arbeit.

Mehrere Organisationen unterstützten die jüdische Auswanderung: der „Hilfsverein der deutschen Juden“, der sich ab Herbst 1935 „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ nennen musste, die „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge“ und das „Palästina-Amt“. Die Arbeit dieser Organisationen führte zu einem deutlichen Anstieg der Auswandererzahlen. Mit 24.000 Auswanderern im Jahr 1936 wurde die von der Reichsvertretung erwarteten Maximalzahl deutlich übertroffen.

Die Verfolgungsmaßnahmen gipfelten im Pogrom der „Reichskristallnacht“ vom 9. /10. November 1938. Eine Massenflucht begann; rund 40.000 Menschen verließen Deutschland bis zum Jahresende. Die meisten von ihnen flüchteten nach Übersee, vor allem in die USA.

Die ehemaligen „Auswandererhallen“ standen den Emigranten nicht mehr lange zur Verfügung, die HAPAG übergab sie 1934 der Stadt Hamburg. Im April 1934 zog die SS-Standarte „Germania“ in zwei Drittel des „Überseeheims“ ein; sieben Monate lang kam es zur direkten Nachbarschaft zwischen der SS und Auswanderern, die vor dem Regime flüchteten - eine unerträgliche Situation. Am 1. November 1934 nahm die SS den gesamten Komplex in Besitz.

1940 dienten die verbliebenen Baracken der ehemaligen „Auswandererhallen“ der Unterbringung von 500 französischen Kriegsgefangenen, die auch zu Aufräumungsarbeiten herangezogen wurden. Im April 1941 fielen Sprengbomben auf das Gelände, allerdings ohne großen Schaden anzurichten.

Im Oktober 1941 wurde die Auswanderung verboten. Insgesamt flüchteten in der Zeit des Nationalsozialismus etwa 275.000 - 300.000 Juden aus Deutschland

Auswanderung nach 1945

Für Deutsche verhängte der Alliierte Kontrollrat ein Auswanderungsverbot, um zu verhindern, dass Kriegsverbrecher und Nationalsozialisten das Land verließen. Auch sollte die Abwanderung von Arbeitskräften, die für den Wiederaufbau des Landes dringend benötigt wurden, verhindert werden. Eine Ausnahmeregelung ermöglichte Wissenschaftlern und Spezialisten die Ausreise.

Der so genannte „brain drain“ erreichte aber keinen großen Umfang. Insgesamt verließen zwischen 450 und 660 Wissenschaftler Deutschland, der prominenteste von ihnen war Wernher von Braun.

Unfreiwillige Auswanderer, sogenannte Displaced Persons und andere

Eine der gravierendsten Folgen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland war die enorme Migrationsbewegung durch Flüchtlinge, Evakuierte, Vertriebene und Kriegsgefangene.

Millionen Menschen, die vor den Luftangriffen aus den großen Städten geflohen waren, kehrten in die zerstörten Städte zurück. Weitere Millionen Deutsche waren auf der Flucht aus den ehemaligen Ostgebieten. Dazu kamen Kinder, die aus der „Verschickung“ zurückkamen und ehemalige, nach Deutschland entlassene, Kriegsgefangene der Alliierten. Zwei von fünf Deutschen befanden sich bei Kriegsende nicht in ihrem Heimatort.

Viele Menschen konnten aufgrund der politischen Veränderungen nicht aus Deutschland in ihre Heimat zurückkehren. Etwa 10 bis 11 Millionen "Displaced Persons (DPs)“ befanden sich in Deutschland. Als „Displaced Persons“ bezeichneten die Alliierten „Zivilpersonen, die sich wegen Kriegseinwirkungen außerhalb der nationalen Grenzen befinden und die, 1.) obwohl sie es wollen, nicht in der Lage sind, nach Hause zurückzukehren oder ein neues Zuhause ohne fremde Hilfe zu finden; 2.) in feindliches oder ehemals feindliches Gebiet zurückgebracht werden sollen." Das waren ehemalige Zwangsarbeiter, Überlebende aus den Konzentrationslagern und befreite Kriegsgefangene.

Das oberste Ziel der Alliierten war deren Repatriierung. Der Erfolg dieser schweren Aufgabe wird darin deutlich, dass die Zahl der „DPs“ in den drei Westzonen innerhalb des ersten halben Jahres nach Kriegsende von geschätzten 4,5 bis 6,5 Millionen auf 1,5 Millionen sank. Die verbliebenen „DPs“ kamen überwiegend aus Osteuropa. Vor allem Polen weigerten sich aufgrund der politischen Verhältnisse zurückzukehren. Die Folge war, dass sie in Deutschland blieben, wo sie in Lagern untergebracht waren.

Viele wollten emigrieren. Im Mai 1946 verließ das erste Schiff mit dem offiziellen Auftrag, Flüchtlinge und „DPs“ in die Vereinigten Staaten zu bringen, Bremerhaven. Bis Mitte der 50er Jahre wanderten etwa eine halbe Million „DPs“ in die USA aus, mehr als ein Viertel davon waren Juden. Die meisten reisten auf ehemaligen Truppentransporten von Bremerhaven nach New York.

Als erstes Land erlaubten die USA ab dem Frühjahr 1947 wieder die Einreise deutscher Staatsbürger. Doch gab es nach wie vor große Hürden bis zur Visa Erteilung. So musste in der Regel ein US Bürger gefunden werden, der für den Immigranten bürgte. Wiederum waren es die religiösen Hilfsorganisationen die den Emigranten mit Rat und Tat zur Seite standen.

Als im Sommer 1949 in den Westzonen die Auswanderungssperre aufgehoben wurde, wurde Hamburg wiederum das „Tor zur Welt“.

Erneut setzte ein Auswandererstrom ein, der jedoch längst nicht mehr die Ausmaße hatte, wie die Auswanderung zu Beginn des Jahrhunderts. Auf der Elbinsel Finkenwerder wurden die Baracken eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers als neue Unterkunft für Auswanderer zunächst notdürftig hergerichtet und dann 1954 modernisiert. In den 50-er Jahren emigrierten im Durchschnitt jährlich ca. 65.000 Deutsche, etwa die Hälfte davon in die USA.

In Wentorf bei Hamburg wurde ein „Auswanderer-Überprüfungslager“ errichtet, in dem im Jahr 1951 etwa 19.000 Menschen die Ausreise beantragten; nur etwa 2/3 von ihnen wurde sie auch bewilligt

Doch die Auswanderung verlor in Hamburg fast völlig an Bedeutung. 1954 reisten lediglich noch 4719 Menschen über Hamburg in die USA. 

In den 60-er Jahre löste das Flugzeug die Schiffe als Hauptverkehrsmittel ab. Die Auswandererzahlen gingen kontinuierlich zurück.

1962/63 kam das endgültige Aus für die noch übrig gebliebenen Gebäude der ehemaligen „Auswandererhallen“. Neben dem Kirchengebäude wurden auch die verbliebenen Pavillons bis auf einen abgerissen; dieser bildet nun das Herzstück des Migrations-Museums BallinStadt.

 

 

 

Zu guter letzt oder wer suchet der findet:

Institutionen, die bei der Suche nach ausgewanderten Vorfahren behilflich sein können (Auswahl):

Deutschland


» MyFamily GmbH: www.ancestry.de
» Staatsarchiv Hamburg: http://fhh.hamburg.de/stadt/Aktuell/behoerden/staatsarchiv/start.html
» Historisches Museum Bremerhaven: www.deutsche-auswanderer-datenbank.de
» Staatsarchiv Bremen: www.passagierlisten.de
» Forschungsstelle Deutsche Auswanderer in den USA: www.dausa.de
» Nordfriisk Instituut: www.nordfriiskinstituut.de/indexausw.html

» Institute for Migration and Ancestral Research e. V. / Rostock: www.imar-mv.com
» Hauptstaatsarchiv Stuttgart: www.auswanderer.lad-bw.de

» Genealogie-Service.de GmbH: www.ahnenforschung.net
» Genealogische Gesellschaft Hamburg: http://gghh.genealogy.net

USA


» Ellis Island / New York:
www.ellisisland.org
» The National Archives and Records Administration: www.archives.gov
» Mystic Seaport: www.mysticseaport.org/library/immigration/intro.cfm


Internationale Forschungsportale:

» MyFamily Inc.:
www.myfamily.com, www.ancestry.com
» JewishGen, Inc.:
www.jewishgen.org/databases/EIDB
» The Genealogical Society Library: www.familysearch.org
» Genealogische Gesellschaft: www.genealogy.net